Wie der Rechtsextremismus in unsere Köpfe kommt.

Schon einmal gefragt, warum Menschen die keine Rechtsextremen sind, rechtsextrem sprechen und immer mehr Menschen sagen, ich bin ja kein Rassist, aber usw. oder einfach viele Sprachbilder der Rechtsextremen übernehmen? Gleichzeit schon mal gefragt, warum gerade die, die Rechtsextreme sind, kaum als das mehr bezeichnet werden, obwohl sie in den letzten Jahren faktisch weiter nach Rechts gerückt sind. Vorneweg hier geht es nicht darum einen Glossar von Kommunikationstechniken aufzustellen. Dazu ein andermal.

„Wir müssen besser kommunizieren“ ist die notorische Antwort am Wahlabend nach dem Rechtsruck. Dieser Satz ist so richtig wie er auch gleichsam platt und falsch ist, weil er meistens dort stehen bleibt und weil zumeist nicht gefragt wird, was die Rechtsextremen richtig machen, welche Wahrheiten sie ansprechen. Er ist auch falsch weil er von dem gemeinhin menschlichen, der Kommunikation an sich, und einer Kommunikationstechnik nicht scheiden kann. Mit Wahrheiten sind hier vor allem gesellschaftlich (sozial, ökonomisch, rassistisch) erzeugte Wahrheiten bzw. Tatsachen gemeint.  – Dinge die passieren, die aber erst die entsprechende Zuschreibung und ideologische Interpretation bekommen. So gesehen kann man sagen im Rechtsextremismus wird mit der Wahrheit gelogen. Eine Lüge ist leicht entdeckt. Die Halbwahrheit ist aber gesellschaftlich allgegenwärtig und daher schwerer zu identifizieren. Klar, wenn 30 Jahre lang immer und immer wieder dieselben Sätze wiederholt werden, dann merkt man sich diese oder beginnt sie sogar zu glauben. Hier darf der Punkt aber nicht gemacht werden. Wir sollten lernen und einüben weiter dahinter zu blicken, gerade auch um einen praktischen Umgang zu finden im Kampf gegen den Rechtsruck.

Hat sich eigentlich schon mal jemand gefragt, warum Rechtsextreme Parteien so oft lyrische oder dramatische Metaphern und Satzformen verwenden, ohne sich darüber lustig zu machen? Klingen denn nicht Sätze wie „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“ oder „Das also war des Pudels Kern“ für sich genommen nicht eigentlich auch ziemlich plump oder nichtssagend, obwohl sie geradezu als dichterische Meisterleistungen gelten, in denen die Gesamtaussage eines Werkes sich zuspitzt und sogar über die eigentlich Bedeutung hinauswachsen und auf jeder dummen Postkarte zu finden sind? Oder welcheR BildungsbürgerIn kennt etwa Strophen wie „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,// Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ nicht? Hat sich schon mal jemand gefragt, warum uns unsere LehrerInnen gezwungen haben Gedichte auswendig zu lernen?

 Lyrik ist eines der eingehensten Stilmittel um eine Geschichte zu erzählen und sich zu merken. Liedtexte merkt man sich nicht nur bloß, weil sie einfach sind, sondern weil die Form etwas ist, was sich leicht festsetzt. Wer heute vor sich hinreimt gilt eher als seltsam und doof. Allerdings, wir alle kennen dumme Sprüche, die sich reimen. Zum Beispiel ganz alltägliche wie: hätte, hätte Fahrradkette; Nice wie Scheiß; Schau schau, die Schoschonen.

Dass Reimen mit der Zeit aus der Lyrik verschwunden ist, hat vermutlich mehrere Gründe. Einerseits weil, die Alphabetisierung voran geschritten ist und die Hochkultur Reime irgendwann als etwas Pöbeliges empfunden hat und sich wieder unterscheiden wollte, andererseits weil Reime eben auch ein Mittel sind, um sich schnell Texte und Geschichten zu merken, die nicht in schriftlicher Form oder nicht ausreichend in dieser Form aus technischen Gründen vorhanden sind. Ganz verschwunden sind Reime aber nicht. Von der Hauptschule bis ins Unterstufen-Gymnasium werden wir auch heute noch gezwungen Gedichte in bestimmter Reim- und Versform als Hausaufgaben zu schreiben. Als Lernmethode hat man uns für Vokabeln und langweilige Wissensgebiete Eselsbrücken empfohlen, die oft in Reimformen gebildet werden.

 

Strache-Rapsong-Texte oder Plakatsprüche wie „Daham statt Islam“ finden wohl nicht nur die GegnerInnen der rechtsextremen FPÖ lächerlich. Auch wenn der Musikgeschmack von so manchen FPÖ-GegnerInnen anders sein mag, als zum Beispiel von FPÖ-wählenden Jugendlichen, werden die entsprechenden Raps, wohl genauso wenig in den Geschmack der letzten Gruppe passen. Durch Abscheu und geschmackliche Distinktion übersieht man auch oft, was Metaphern und Textformen kognitiv auslösen. Sie führen dazu, dass man sich den Inhalt leicht merkt. Und das ist in einer medialen Aufmerksamkeitsökonomie Gold wert. Der Kampf um eine politische Hegemonie beginnt in den Köpfen und die FPÖ dringt in sie ein und aktiviert dort den angelernten Hass und mobilisiert die gesellschaftlich eingelernten Kategorien.

Anstatt im Kopf Kategorien von Ausbeutungsverhältnissen anzusprechen, aktivieren die Rechtsextremen gesellschaftlich weit verbreitete rassistische Kategorien in Form von „Wir-und-die-Anderen“-Gruppen und verknüpft das ganze noch mit einer „Oben-Unten“-Rhetorik. Diese Kategorien stellt sie aber nicht selber zur Verfügung, sondern aktiviert sie und trägt allenfalls dazu bei, dass sie weiter eingelernt werden und Menschen ansozialisiert werden. Versorgt werden wir Menschen mit diesen Kategorien von der sogenannten „Mitte“ der Gesellschaft, den Institutionen und der Politik des Mainstreams. Wir alle haben mehr oder weniger rassistische Vorstellungen, selbst wenn wir selber unter Rassismus leiden.

Im Rechtspopulismus kommt noch eine zunehmend dynamischere Verwendung von Identitätskategorien in Verbindung mit „Unten-Oben“-Rhetorik hinzu. Da kommt es dann auch schnell einmal dazu, dass Gruppen, die man zuvor noch diskriminiert hat, gegen einen neuen oder alten Feind anwendet. Es geht dabei viel weniger um eine bestimmte Gruppe und die ihnen zugeschriebene Merkmale, sondern viel mehr um eine Kerneigenschaft, die allen gleichermaßen zugeschrieben wird, dass sie aus der Perspektive der „Wir“-Gruppe ungleich sind, egal ob das Frauen, Kärntner SlowenInnen oder MuslimInnen sind. Der Rechtspopulismus wird damit zur vermeintlich „dünnen“-Ideologie, weil er nicht mehr so wie im klassischen Rechtsextremismus ein starres Weltbild vertritt. Aber, und das ist die Gefahr, dieses Weltbild ist dennoch vorhanden. Das Weltbild ist die Mottenkiste in die man greift um sich im dynamischen und beschleunigten Medienalltag neue alte Feindbilder herauszuholen.

Jongliert man mit den Begriffen als was die FPÖ zu bezeichnen ist, bleibt es daher bei Rechtsextremismus. Das steht keineswegs im Widerspruch mit Populismus, denn auch das trifft auf die FPÖ zu. Daher sollte Rechtspopulismus nicht als harmloser gesehen werden, aber gleichzeitig die Verwendung durch österreichische Medien ,so wie der Begriff von diesen angewendet und bestimmt wird, als Verharmlosung der FPÖ angesehen werden.

Die FPÖ wendet Kommunikationstechniken besser an als alle anderen Parteien. Das macht sie noch nicht alleine zu PopulistInnen. Ja, sie verzerren die Wirklichkeit, sodass diese mit ihrem Weltbild zusammenfällt, aber nicht jede ihrer Techniken ist manipulativ und gleichzeitig ist nicht jede Kommunikationstechnik ein neutrales Instrument, das man für Politik die auf Befreiung und Gleichheit gerichtet ist nutzbar machen kann (Beispielsweise die Strategie die Hofer im ATV-Duell gewählt hat).

Die Konsequenz davon müsste sein, dass AkteurInnen in Medien und Politik, die nicht zu den FreundInnen der FPÖ gehören, anfangen müssen nicht nur das Explizite an den Aussagen der FPÖ zu erkennen und dort stehen bleiben (und dann vielleicht noch geschmacklich nicht einverstanden sein), sondern mehr über implizite Botschaften, Stil- und Gesprächsformen nachzudenken. Das beginnt beispielsweise schon damit, dass die meisten ZIB-ModeratorInnen im Interview mit der FPÖ Parenting betreiben. Die FPÖ antwortet dann wiederum mit pubertärer Auflehnung und erzeugt damit eine Scheinsolidarität mit jenen, die von Medien und anderen gesellschaftlichen Institutionen isoliert und sozial ausgrenzt sind. In Anlehnung an die Transaktionsanalyse, bedeutet das, anstatt sich in der Gesprächsführung auf ein Erwachsenen-Niveau zu begeben (Argumente ernstnehmen, nachfragen, den Inhalt zu hinterfragen und Kritik nüchtern anzubringen), begeben sich die einen in eine Eltern/ProfessorInnen-Rolle und die anderen Begeben sich in eine infantile Rolle, was die Vertiefung der „Oben-Unten“-Rethorik ist.

Dennoch führt nichts daran vorbei die Mitte der Gesellschaft und auch jene, die sich links außerhalb dieser stellen zu adressieren, das heißt sich selbst Fragen zu stellen und nicht nur aus der eigenen Ohnmacht heraus den Rechtsextremismus in Superlativen zu adressieren und überall den Skandal festzumachen. Die selbsternannte „Mitte“ ist die Quelle der Ungleichheit, des Hasses und der Ausgrenzung und nicht nur der sogenannten „Rand“. Wer nicht über den Zustand von Demokratie, insbesondere demokratische Parteien, Autorität und über den Zustand linker Gegenorganisation sprechen will, ist in der eigenen Ohnmacht gefangen. Kompensiert wird das indem man den Rechtsextremismus alleine adressiert, weil hierin ein klar auszumachender Gegner vorhanden ist, von dem man eine politische Gegenpraxis ableitet. Wer aber über Praxis und Denken der autoritären, neo-liberalen und anti-demokratischen Mitte nicht reden will, soll über den rechtsextremen Rand schweigen um hier an einen altbekannten Satz von Max Horkheimer anzuschließen.

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Zur Kritik am Nichtwählen!

Was das Fass neben der rassistischen Propaganda der FPÖ zum überlaufen bringt, ist die moralisierende NichtwählerInnen-Kritik kurz vor einer Wahl. Die Realität ist, bei den meisten Parteien geschieht der größte Stimmenaustausch zwischen NichtwählerInnen und ihnen und nicht unter den Parteien. Überhaupt gibt es genau zwei relevante Formen des Stimmenaustausches derzeit. 1. Von der Sozialdemokratie zu Rechtsextremen Parteien und 2. eben zwischen Parteien und NichtwählerInnen. Kampagnen sind heute mehr als früher Mobilisierungswahlen, die Menschen dazu zu bewegen, überhaupt wählen zu gehen.

Nichtwählen kann man nicht gut heißen, jemanden deswegen zu verurteilen ist aber falsch. Phrasendrescherei, wie Demokratie wäre blutig erkämpft worden und sei daher ein wichtiges Bürgerrecht, sind blutleeres Geschwafel. Ja, richtig, aber was macht ihr damit, müsste die Frage umgekehrt lauten. Wer hat denn Demokratie für alle StaatsbürgerInnen unabhängig von Stand, Einkommen und Geschlecht erkämpft? Die Linke und die Arbeiterbewegung! Wer kann es denn jenen sozialen Gruppen gegen deren Interessen durch eine Politik deren Priorität Sozialkürzungen sind nicht berücksichtigt werden und als sozial Schwache somit repressiv in soziale Isolation getrieben werden,  verübeln, wenn sie kein Bedürfnis danach haben jenen eine Stimme zu geben, die sie in diese Position getrieben haben. Diese Apathie rettet niemanden, aber wieso soll man jemanden wählen, der sich selbst als schärfsten Kritiker plakatiert (Voves, steirische Landtagswahl 2015), weil sie auch noch angeblich die weiseste aller Kritiken für sich gepachtet haben.

Was hilft es jenen, wenn der Korruptionsskandal X aufgeklärt wurde, wo sie doch schon vorher gewusst haben das PolitikerInnen korrupt sind, nämlich nicht im rechtlichen Sinne, aber im Sinne von Privelegienrittern. Korruptionsaufklärung macht noch kein gutes Leben, wenn sie nicht als Teil einer sozialpolitischen Auseinandersetzung geführt wird und das wird sie nicht. Was hilft es Menschen wenn bloße Phrasen irgendwo wie „Reform“ oder „Impuls“ plakatiert werden, wenn Reform heute ein Drohung dafür ist, dass es ihnen bald noch schlechter gehen wird.

Die parlamentarische Demokratie ist in der Krise und darüber freuen sich insgeheim besonders die Rechten, selbst wenn sie das größte Problem mit NichtwählerInnen haben. Dennoch profitieren sie am meisten durch den Zerfall einer sozialen Demokratie, die auch die Sozialdemokratie repräsentiert hat, wenn sie auch nicht perfekt war und sein kann, so hat sie doch eine Grundlage für etwas, das sie erweitern hätte können, gebildet. Der Zerfall dessen wirft in Kombination mit Krise, tief verwurzelten Ressentiments, reaktionären Erklärungen der Welt und Autoritarismus überhaupt erst die Möglichkeit nach rechts auf. Der Kampf für Demokratie war vielen Linken verschiedenster Strömungen keine Anliegen um sich auf dieser auszuruhen, sondern Menschen im Sinne einer sozialen Demokratie überhaupt erst Teilhabe und Teilnahme an politischen Prozessen zu ermöglichen um das Kommando Gemeingüter, über Produktion, gesellschaftliche Institutionen übernehmen zu können. Das heißt: eine Erweiterung der liberalen Demokratie.

Von den meisten, die gegen das Nichtwählen moralisieren, hört man nie etwas zu MigrantInnenwahlrecht, dabei ist das der große Skandal in der heutigen Demokratie Die meisten MigrantInnen sind in dieser Gesellschaft jene, die zu den sozial Schwächsten gehören und von demokratischen Prozessen fast gänzlich ausgeschlossen werden. In vielen Städten würden sie mehr als 20% der Stimmen ausmachen. Oft liest man in Medienkommentaren Beschwerden über ihr Interesse an der Politik ihres Heimatlandes, verhindert aber demokratische Teilhabe in Österreich.

Nichtwählen ist keine Option, doch das Kreuz auf dem Wahlzettel, dass eine Partei in eine Parlament oder in die Landesregierung befördert, die eigentlich nicht einmal alle 5 Jahre in der Lage ist zu kommunizieren wofür sie stünde, dann soll einmal jemand erklären, wie ein Mensch, der sich unregelmäßig bis gar nicht viel mit Politik beschäftigen kann oder möchte zur Wahl gehen wird. Traurig aber besser ist es immer noch etwas zu versprechen was man vielleicht nicht halten kann, als gar nicht mehr den Versuch zu machen für etwas zu stehen. Wenn Kampagnen dazu verkommen, dass die Wahl die sie suggerieren nur mehr eine Frage des Geschmacks sind, ob man Erdbeer, Stracciatella, oder Bio-Fruchjoghurt lieber hat, dann ist halt der braune Pudding für manche leider noch attraktiver, weil es anders zu sein scheint. Es ist ein falsches Anderes, es ist freilich Pseudorebellion, ohne die Konsequenz dass es für einen besser wird. Auch das Nichtwählen macht die Dinge nicht besser, aber wenn die erhaben Bildungsbürger mit dem strafenden Blick und erhobenen Zeigefinger den vermeintlichen „Dummen“ zeigen, dass sie den Wert von Demokratie nicht verstanden hätten, deren Wert für sie schon lange verloren gegangen ist, weil für sie die Wahl schon entschieden scheint, dann läuft etwas verdammt falsch.

Für Demokratie zu Kämpfen hieße vor allem Menschen an politischen Prozessen zu beteiligen, sie zu organisieren und Teil von einem Anliegen zu machen und ihnen die Möglichkeit zu geben, für ihre Interessen einzustehen, ihnen dabei aber nicht nach dem Mund zu reden.  Dann ist das Kreuzerl eher ein Endpunkt von Demokratie und nicht erst ein so wie viele suggerieren, der Auftrag der BürgerInnen sich 5 Jahre wieder um etwas zu kümmern, was schon lange nicht mehr im Interesse der Mehrheit, also arbeitenden, arbeitslosen, lernenden oder lehrenden, nicht-privilegierten oder relativ privilegierten Menschen ist, ob sie das nun als solches erkennen oder verkennen.


Notizen zur Einschätzung des europäischen Rechtsrucks

Deutschland entsendet eine Neo-Nazi-Partei (NPD) mit einem Mandat ins EU-Parlament. Das ist zwar irre, allerdings bedrohlicher sind die ganzen neofaschistischen, rechtsextremen usw. Parteien von AfD bis Front National. Insgesamt sollte man bei der extremen Rechten in Europa bewusst die Unterscheidung zwischen Nazis und Rechtsextremen machen, ohne dabei so zu tun als wären Rechtsextreme harmlos, quasi die Light-Version der Nazis. Die dominante Form ist heute eine Neue, mit vielen alten ideologischen Versatzstücken: Verdeckter Antisemitismus (manchmal auch noch immer offen) am Beispiel des Anti-Kosmopolitismus, Anti-Marxismus, neben dem eher neueren anti-muslimischen Rassismus. Alt ist auch die Täter-Opfer-Umkehr. Ihre Erzählung ist, sie sind die Opfer der EU, der Banken, der Ausländer, der Linken, der Medien, manchmal auch der Juden. Die Angst der Menschen sich zu ihrer eigenen Schwäche in der Gesellschaft zu bekennen endet darin, dass man auf die noch Schwächeren herunter tritt. Die scheinbare Solidarität zu den viel beschworenen „kleinen Leuten“, die Parteien wie die AfD symbolisieren, ist eine, die auf dieser Täter-Opfer-Umkehr aufbaut und sich von den Projektionen auf die angeblichen Täter nährt. Der neo-liberale Zeitgeist leistet seinen Beitrag, diese politischen Bewegungen alleine darauf zu reduzieren unterschätzt allerdings ihr Potential.

Es sind andere Zeiten, aber alte Muster. Die Gefahr, die davon ausgeht, kann man nur einschätzen wenn man beides untersucht, also in was für einer gesellschaftlichen Lage (ökonomisch und sozio-kulturell) wir uns befinden und wie Verachtung und Ressentiment in der modernen europäischen Gesellschaft funktionieren. Das heißt es reicht weder zu sagen, dass sind alles Nazis, noch zu sagen die sind eh harmlos, weil es sind ja eben keine Nazis, wie das gerne von liberaler und konservativer Seite gegen Linke ins Feld geführt wird um das Problem vom Tisch zu wischen. Wer das tut unterschätzt die Lage in der wir uns befinden und bietet damit diesen Kräften ein politisches Einfallstor.

Realität in Europa war aber auch schon vor der Wahl, dass Roma und Sinti verfolgt und diskriminiert werde, sei es offen auf der Straße wie am Balkan und in Ungarn, sei es durch Deportation aus Frankreich, sei es durch Verdrängung aus dem öffentlichen Raum wie in Österreich (zum Beispiel die Bettelverbote treffen meistens Roma). Realität ist auch, dass durch die Dynamik rechtsextremer in Kombination mit neo-liberaler Ideologie, der Binnenmarkt der EU eine Mauer bekam und diese verbal durch Rassismus und real durch „Grenzschutz“ wie es euphemistisch gerne heißt, immer höher aufgerüstet wird, und dabei das Mittelmeer in ein Massengrab verwandelt.

Die antisemitischen Anschläge in Brüssel aber auch vor nicht all zu langer Zeit die Anschläge von Anders Breivik in Norwegen, die unzähligen Schmierereien von Rechtsextremisten und Neo-Nazi, zum Beispiel am KZ-Mauthausen, sind viele Anzeichen dafür dass es in Europa schon länger brodelt. Das sogenannte Erdbeben in Frankreich, erschüttert die Gemüter, wieder einmal wenn es um den allgemeinen Rechtstrend geht, das Epizentrum liegt aber tiefer. Dieses Epizentrum ist die politische Grundverfassung dieses Kontinents, denn die Union ist ein Projekt der Eliten geblieben, die nach Mauerfall und Ende des Kalten Krieges sich am Ende der Geschichte wähnten und ein „anything goes“ als Fanfare bliesen. Liberal war Europa höchstens auf dem Papier.  Darüber hinaus, seine vielerorts unaufgearbeitete Geschichte, vom verklärten Francismus in Spanien oder dem Faschismus Italien, Portugal, der französischen Verstrickung mit dem Nationalsozialismus, die vielen osteuropäischen Schergen der Nazis von der Ukraine bis zur kroatischen Ustasha, die Militärdiktaturen in Griechenland und der Türkei.

All das wird zusätzlich genährt von dem Bild nicht  nur unbedeutend innerhalb der Union zu sein sondern in der ganzen Welt. Europas regierenden und BürgerInnen sind getrieben von individuellen Abstiegsängsten und historisch vielschichtigen nationalen Minderwertigkeitskomplexen. Heuer vor 100 Jahren war der Beginn vom Ende der imperialen Vormachtstellung europäischer Staaten. 1945 lag Europa in Schutt und Asche, Jüdinnen und Juden und viele andere verfolgt und vernichtet, die kritische europäische Intelligenz ermordet oder vertrieben. Gleichzeitig war damit die Vormachtstellung der einzelnen Nationalstaaten in der Welt gebrochen.  Davor, wie danach wird der Mythos des Opfers der EuropäerInnen genährt. In Frankreich kämpft man mühevoll für das Französisch als Weltsprache, derer man sich beraubt fühlt, während sich die Deutschen  im Kalten Krieg von Soviets und Amerikanern besetzt fühlten. Die europäischen Eliten bedienen sich dieses Mythos in dem sie sich auf die Union berufen um in neuer Stärke auf die Weltbühne treten zu können, während Europas extreme Rechte die Abstiegsängste der Menschen und ihre Projektionen bedienen.

Das Friedensprojekt Europa, wenn es denn nicht selbst Mythos ist, war zumindest immer zweischneidig. Es war durch die Berufung auf die Abwendung von Unheil die einzige Antwort auf die europäischer Geschichte. Die  nationalen Kräfte haben sich jedoch aufgespalten, weil die einen, also Konservative und Liberale, das Heil für die Nation in der Union sahen in der Sehnsucht nach alter Stärke, sehen heute noch immer die anderen in der Union ihren Untergang. Die Ironie ist, dass die hegemoniale Debatte in diesem Koordinatensystem verläuft und sich alle darin einfügen müssen. In Medien spalten sich alle Meinungen nach Pro-Europäischen und Europa-feindlichen Positionen auf. Die soziale Frage, das Menschenbild ist irrelevant. So gut wie alle klassischen politischen Denkrichtungen und Parteienformationen sind in in dieser Frage gespalten:  UMP (Frankreich) und Torries oder auch auf der Linken Seite, ganz lokal gesprochen zwischen KPÖ Steiermark und Europa Anders.  Anstatt die Union als  historisch-objektives Faktum, dass es längst schon ist, als politische Realität anzunehmen, wird an diesen Linien verhandelt. Solange linke Kräfte die Debatte nicht zu dem verschieben, worum es wirklich ginge, nämlich um die soziale Frage, wird sich an dieser Achse nur das Kräfteverhältnis zwischen europäischen Eliten und der extremen Rechten verschieben. Und das kann niemand wollen, der klar bei Verstand ist.


Demokratie sichern: Die Parteiförderung um 75% kürzen



Es ist wieder einmal Wahlkampf. Betrachtet man dabei den erbärmlichen Zu- und Gegenstand der Parteien, inklusive der eigenen möchte man gerne in Passivität verfallen. Was einen daran hindert ist neben dem Kampf für gesellschaftliche Veränderung die potentielle Gefahr, die aus den aktuellen Entwicklungen erwächst. Die Art und Weise wie Parteien heute funktionieren ist eher demokratiegefährdend als demokratiesichernd. Die Diagnose lautet in Stichworten: Zentralisierung von Parteimitteln, Parteiinterne Entdemokratisierung, Konformität und Mangel an interner Dissenskultur, Eventpolitik und dabei die Verkürzung von politischen Positionen auf reine Performance, was unter anderem Resultat der Entkoppelung von Kampagnenabteilungen von den politisch Verantwortlichen ist. Den Rest des Beitrags lesen »