Wie der Rechtsextremismus in unsere Köpfe kommt.

Schon einmal gefragt, warum Menschen die keine Rechtsextremen sind, rechtsextrem sprechen und immer mehr Menschen sagen, ich bin ja kein Rassist, aber usw. oder einfach viele Sprachbilder der Rechtsextremen übernehmen? Gleichzeit schon mal gefragt, warum gerade die, die Rechtsextreme sind, kaum als das mehr bezeichnet werden, obwohl sie in den letzten Jahren faktisch weiter nach Rechts gerückt sind. Vorneweg hier geht es nicht darum einen Glossar von Kommunikationstechniken aufzustellen. Dazu ein andermal.

„Wir müssen besser kommunizieren“ ist die notorische Antwort am Wahlabend nach dem Rechtsruck. Dieser Satz ist so richtig wie er auch gleichsam platt und falsch ist, weil er meistens dort stehen bleibt und weil zumeist nicht gefragt wird, was die Rechtsextremen richtig machen, welche Wahrheiten sie ansprechen. Er ist auch falsch weil er von dem gemeinhin menschlichen, der Kommunikation an sich, und einer Kommunikationstechnik nicht scheiden kann. Mit Wahrheiten sind hier vor allem gesellschaftlich (sozial, ökonomisch, rassistisch) erzeugte Wahrheiten bzw. Tatsachen gemeint.  – Dinge die passieren, die aber erst die entsprechende Zuschreibung und ideologische Interpretation bekommen. So gesehen kann man sagen im Rechtsextremismus wird mit der Wahrheit gelogen. Eine Lüge ist leicht entdeckt. Die Halbwahrheit ist aber gesellschaftlich allgegenwärtig und daher schwerer zu identifizieren. Klar, wenn 30 Jahre lang immer und immer wieder dieselben Sätze wiederholt werden, dann merkt man sich diese oder beginnt sie sogar zu glauben. Hier darf der Punkt aber nicht gemacht werden. Wir sollten lernen und einüben weiter dahinter zu blicken, gerade auch um einen praktischen Umgang zu finden im Kampf gegen den Rechtsruck.

Hat sich eigentlich schon mal jemand gefragt, warum Rechtsextreme Parteien so oft lyrische oder dramatische Metaphern und Satzformen verwenden, ohne sich darüber lustig zu machen? Klingen denn nicht Sätze wie „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“ oder „Das also war des Pudels Kern“ für sich genommen nicht eigentlich auch ziemlich plump oder nichtssagend, obwohl sie geradezu als dichterische Meisterleistungen gelten, in denen die Gesamtaussage eines Werkes sich zuspitzt und sogar über die eigentlich Bedeutung hinauswachsen und auf jeder dummen Postkarte zu finden sind? Oder welcheR BildungsbürgerIn kennt etwa Strophen wie „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,// Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ nicht? Hat sich schon mal jemand gefragt, warum uns unsere LehrerInnen gezwungen haben Gedichte auswendig zu lernen?

 Lyrik ist eines der eingehensten Stilmittel um eine Geschichte zu erzählen und sich zu merken. Liedtexte merkt man sich nicht nur bloß, weil sie einfach sind, sondern weil die Form etwas ist, was sich leicht festsetzt. Wer heute vor sich hinreimt gilt eher als seltsam und doof. Allerdings, wir alle kennen dumme Sprüche, die sich reimen. Zum Beispiel ganz alltägliche wie: hätte, hätte Fahrradkette; Nice wie Scheiß; Schau schau, die Schoschonen.

Dass Reimen mit der Zeit aus der Lyrik verschwunden ist, hat vermutlich mehrere Gründe. Einerseits weil, die Alphabetisierung voran geschritten ist und die Hochkultur Reime irgendwann als etwas Pöbeliges empfunden hat und sich wieder unterscheiden wollte, andererseits weil Reime eben auch ein Mittel sind, um sich schnell Texte und Geschichten zu merken, die nicht in schriftlicher Form oder nicht ausreichend in dieser Form aus technischen Gründen vorhanden sind. Ganz verschwunden sind Reime aber nicht. Von der Hauptschule bis ins Unterstufen-Gymnasium werden wir auch heute noch gezwungen Gedichte in bestimmter Reim- und Versform als Hausaufgaben zu schreiben. Als Lernmethode hat man uns für Vokabeln und langweilige Wissensgebiete Eselsbrücken empfohlen, die oft in Reimformen gebildet werden.

 

Strache-Rapsong-Texte oder Plakatsprüche wie „Daham statt Islam“ finden wohl nicht nur die GegnerInnen der rechtsextremen FPÖ lächerlich. Auch wenn der Musikgeschmack von so manchen FPÖ-GegnerInnen anders sein mag, als zum Beispiel von FPÖ-wählenden Jugendlichen, werden die entsprechenden Raps, wohl genauso wenig in den Geschmack der letzten Gruppe passen. Durch Abscheu und geschmackliche Distinktion übersieht man auch oft, was Metaphern und Textformen kognitiv auslösen. Sie führen dazu, dass man sich den Inhalt leicht merkt. Und das ist in einer medialen Aufmerksamkeitsökonomie Gold wert. Der Kampf um eine politische Hegemonie beginnt in den Köpfen und die FPÖ dringt in sie ein und aktiviert dort den angelernten Hass und mobilisiert die gesellschaftlich eingelernten Kategorien.

Anstatt im Kopf Kategorien von Ausbeutungsverhältnissen anzusprechen, aktivieren die Rechtsextremen gesellschaftlich weit verbreitete rassistische Kategorien in Form von „Wir-und-die-Anderen“-Gruppen und verknüpft das ganze noch mit einer „Oben-Unten“-Rhetorik. Diese Kategorien stellt sie aber nicht selber zur Verfügung, sondern aktiviert sie und trägt allenfalls dazu bei, dass sie weiter eingelernt werden und Menschen ansozialisiert werden. Versorgt werden wir Menschen mit diesen Kategorien von der sogenannten „Mitte“ der Gesellschaft, den Institutionen und der Politik des Mainstreams. Wir alle haben mehr oder weniger rassistische Vorstellungen, selbst wenn wir selber unter Rassismus leiden.

Im Rechtspopulismus kommt noch eine zunehmend dynamischere Verwendung von Identitätskategorien in Verbindung mit „Unten-Oben“-Rhetorik hinzu. Da kommt es dann auch schnell einmal dazu, dass Gruppen, die man zuvor noch diskriminiert hat, gegen einen neuen oder alten Feind anwendet. Es geht dabei viel weniger um eine bestimmte Gruppe und die ihnen zugeschriebene Merkmale, sondern viel mehr um eine Kerneigenschaft, die allen gleichermaßen zugeschrieben wird, dass sie aus der Perspektive der „Wir“-Gruppe ungleich sind, egal ob das Frauen, Kärntner SlowenInnen oder MuslimInnen sind. Der Rechtspopulismus wird damit zur vermeintlich „dünnen“-Ideologie, weil er nicht mehr so wie im klassischen Rechtsextremismus ein starres Weltbild vertritt. Aber, und das ist die Gefahr, dieses Weltbild ist dennoch vorhanden. Das Weltbild ist die Mottenkiste in die man greift um sich im dynamischen und beschleunigten Medienalltag neue alte Feindbilder herauszuholen.

Jongliert man mit den Begriffen als was die FPÖ zu bezeichnen ist, bleibt es daher bei Rechtsextremismus. Das steht keineswegs im Widerspruch mit Populismus, denn auch das trifft auf die FPÖ zu. Daher sollte Rechtspopulismus nicht als harmloser gesehen werden, aber gleichzeitig die Verwendung durch österreichische Medien ,so wie der Begriff von diesen angewendet und bestimmt wird, als Verharmlosung der FPÖ angesehen werden.

Die FPÖ wendet Kommunikationstechniken besser an als alle anderen Parteien. Das macht sie noch nicht alleine zu PopulistInnen. Ja, sie verzerren die Wirklichkeit, sodass diese mit ihrem Weltbild zusammenfällt, aber nicht jede ihrer Techniken ist manipulativ und gleichzeitig ist nicht jede Kommunikationstechnik ein neutrales Instrument, das man für Politik die auf Befreiung und Gleichheit gerichtet ist nutzbar machen kann (Beispielsweise die Strategie die Hofer im ATV-Duell gewählt hat).

Die Konsequenz davon müsste sein, dass AkteurInnen in Medien und Politik, die nicht zu den FreundInnen der FPÖ gehören, anfangen müssen nicht nur das Explizite an den Aussagen der FPÖ zu erkennen und dort stehen bleiben (und dann vielleicht noch geschmacklich nicht einverstanden sein), sondern mehr über implizite Botschaften, Stil- und Gesprächsformen nachzudenken. Das beginnt beispielsweise schon damit, dass die meisten ZIB-ModeratorInnen im Interview mit der FPÖ Parenting betreiben. Die FPÖ antwortet dann wiederum mit pubertärer Auflehnung und erzeugt damit eine Scheinsolidarität mit jenen, die von Medien und anderen gesellschaftlichen Institutionen isoliert und sozial ausgrenzt sind. In Anlehnung an die Transaktionsanalyse, bedeutet das, anstatt sich in der Gesprächsführung auf ein Erwachsenen-Niveau zu begeben (Argumente ernstnehmen, nachfragen, den Inhalt zu hinterfragen und Kritik nüchtern anzubringen), begeben sich die einen in eine Eltern/ProfessorInnen-Rolle und die anderen Begeben sich in eine infantile Rolle, was die Vertiefung der „Oben-Unten“-Rethorik ist.

Dennoch führt nichts daran vorbei die Mitte der Gesellschaft und auch jene, die sich links außerhalb dieser stellen zu adressieren, das heißt sich selbst Fragen zu stellen und nicht nur aus der eigenen Ohnmacht heraus den Rechtsextremismus in Superlativen zu adressieren und überall den Skandal festzumachen. Die selbsternannte „Mitte“ ist die Quelle der Ungleichheit, des Hasses und der Ausgrenzung und nicht nur der sogenannten „Rand“. Wer nicht über den Zustand von Demokratie, insbesondere demokratische Parteien, Autorität und über den Zustand linker Gegenorganisation sprechen will, ist in der eigenen Ohnmacht gefangen. Kompensiert wird das indem man den Rechtsextremismus alleine adressiert, weil hierin ein klar auszumachender Gegner vorhanden ist, von dem man eine politische Gegenpraxis ableitet. Wer aber über Praxis und Denken der autoritären, neo-liberalen und anti-demokratischen Mitte nicht reden will, soll über den rechtsextremen Rand schweigen um hier an einen altbekannten Satz von Max Horkheimer anzuschließen.

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