ÖH Wahl: Wem gehört die ÖH?

Wem gehört die ÖH? Die ÖH gehört den Studierenden und nicht den Parteien. In diesem Text möchte ich im Sinne dieses Gedanken der Frage nachgehen, wie es mit der ÖH weitergehen sollte und welche Liste ich für die ÖH Wahl empfehle.

Die ÖH ist eine wichtige Anlaufstelle für Studierende. Tausende, überwiegend unabhängige, Ehrenamtliche engagieren und bemühen sich oft Jahre um sehr konkrete Probleme im Studierendenalltag. Sie bemühen sich durch Beratung, Vortragsveranstaltungen und soziale Veranstaltungen, wie etwa Feste, Kennenlernmöglichkeiten und gemeinsame Ausflüge, um Studierende. Da wird viel geleistet. Das muss man als Anker nutzen, damit sich Studierende kritisch mit dem eigenen Studienplan auseinandersetzen, in Debatten über die gesellschaftliche Bedeutung der Lehrinhalte gehen können, und auch langfristig lernen Gesellschaft demokratisch zu gestalten und zu  verändern.  Von 2009-2011, in der Zeit als unter dem Motto “uni brennt” Hörsäle von Tausenden Studierenden besetzt wurden, war ich Vorsitzender der ÖH Uni Graz und konnte live mitansehen, wie von einem Tag auf den anderen Studierende aufgestanden sind und etwas verändern wollten. Damals habe ich es als wichtige Aufgabe gesehen, diese Bewegung in den Hörsälen und auf der Straße organisatorisch zu unterstützen, medial diesem Protest den Rücken zu stärken und auch ein Teil davon zu sein. Man kann darüber diskutieren, ob das alles die richtigen Mittel waren, aber ich wünsche mir wieder mehr Bewegung und verrückte Wochen wie damals an den Unis, weil ich glaube dass die Uni auch Österreich eine solche Bewegung nötig hat. Die ÖH ist aber auch ein aufgeblasener Apparat, der einen Nährboden und Sumpf für Selbstbeschäftigung, Selbstüberhöhung und Selbstzufriedenheit – vor allem der Fraktionen in der ÖH – bildet. Damit ist die ÖH – so klein sie als Kammer auch sein mag – Teil des abgewirtschafteten Parteiensystems in Österreich. Dort lernt man österreichische Politik, zum Leidwesen von uns allen. Damit bildet sie einen Teil des morschen Fundaments der österreichischen Politik, auch wenn das viele im Fraktionen-Kosmos der ÖH – teilweise noch aus Idealismus – abstreiten würden.

Nachdem ich ja bereits erwähnt habe, dass ich selbst in der ÖH tätig war, kann ich mir selbst eingestehen, dass ich mich an diesen Fragen abgemüht habe und oftmals daran gescheitert bin, aus diesen Strukturen auszubrechen und etwas zu verändern. Gerade durch die “Unibrennt”-Bewegung 2009, meine eigenen Fehler und die Erfahrungen mit der Fraktion der GRAS, der ich selbst angehörte, hat sich bei mir die Frage aufgedrängt, wie die ÖH auf den Kopf zu stellen ist, damit ein demokratischer Aufbruch möglich ist. Ich glaube, dass mit der Kandidatur der Grünen Studierenden als unabhängige linke Kraft ein Aufbruch wie zu Zeiten von Unibrennt möglich ist und damit die ÖH auf den Kopf gestellt werden kann. Dabei möchte ich aber auch ehrlich mit euch sein sein: Ich glaube die Grünen Studierenden haben noch einen langen und mühsamen Weg vor sich.

Was heißt nun auf den Kopf stellen? Auf den Kopf stellen heißt nicht, die ÖH zu zerstören oder diese – wie in neoliberaler Manier der Junos – finanziell zu schwächen. Auf den Kopf stellen heißt, das ehrenamtliche Engagement in den Studienvertretungen auszubauen, wertzuschätzen und es nicht unpolitisch im Raum stehen zu lassen, sondern politische Bildungsangebote für eine Politik von unten zu schaffen. Die ÖH – gerade an ihrer Spitze – darf keine elitäre Serviceeinrichtung und keine reine Angelegenheit jener sein, die es sich finanziell und zeitlich leisten können über die Verfasstheit der Gesellschaft nachzudenken, sondern sie muss auch Studierende einladen, gemeinsam politisch zu diskutieren und sich für eine Veränderung der Verhältnisse einzusetzen. Was es dazu auch braucht sind kleinteilige Kämpfe um die Studienpläne, gegen Verschulung, gegen Voraussetzungsketten, für verschiedene Lehrformate. Noch mehr braucht es eine Kritik der Wissenschaftsideologien und Lehrinhalte, ganz konkret in den Studienplänen. Man muss Lehrveranstaltungen zu Orten der Debatte und nicht zu Orten, an denen von der Präsentationsfolie abgeschrieben wird, machen. An den Hochschulen werden die “ExpertInnen” in Ökonomie, in Recht oder auch in der Raumplanung ausgebildet. Das sind keine “neutralen” Felder, sondern stehen im Mittelpunkt globaler, politischer Entwicklungen.

An den Hochschulen ergeben sich zukünftige Berufsnetzwerke. Die kritische Auseinandersetzung um die gesellschaftliche Bedeutung des zukünftigen Berufes und die soziale Öffnung der Netzwerke ist notwendig und kann zur Verwirklichung eines anderen Berufsbildes führen. Wie stellen wir uns das Menschenbild von ÄrztInnen, LehrerInnen, AnwältInnen und RichterInnen vor? Welche Rolle sehen sie für sich in der Welt? Wollen wir JuristInnen, die Witze über Juden, Frauen und andere Minderheiten machen (Stichwort AG Juridicum), denen Gedenkpolitik ein Fremdwort ist und die das Rechts- und Staatsverständnis des Nationalsozialismus nur zu “schwarzem Humor” anstiftet? Oder wollen wir Juristinnen, die sich auch für Entrechtete einsetzen und eine Kritik am Rechtssystem formulieren können?

Die Selbstständigkeit im Denken bildet den Kern von wisschenschaftlicher Theorie. Linke Politik an Hochschulen heißt auch, die Heran-Erziehung zu kritischen Intellektuellen zu fördern. Doch sollte es auch an den Hochschulen um einen kritischen Bezug zur Praxis gehen. Studierende müssen mehr Möglichkeit schon während dem Studium haben, kritisch in ihre zukünftige Berufspraxis einzutauchen und um die Veränderung dieser Felder zu kämpfen. Denn das ist auch ein Aspekt von wissenschaftlicher Theorie. Das Studium muss etwas mit dem Leben zu tun haben. “Auf den Kopf stellen” heißt vor allem auch, den Graben zwischen der angeblich “unpolitischen Servicearbeit” und der “gesellschaftspolitischen” Positionierung zu überwinden. Studierende stehen vor vielen Problemen. Über 60 Prozent der Studierenden müssen arbeiten, um sich das Studium leisten zu können. Bei steigenden Mieten und gestrichener Wohnbeihilfe ist das eine besondere Herausforderung. Wer neben dem Studium arbeitet, läuft auch oft Gefahr, das Studium irgendwann abbrechen zu müssen oder macht sich dabei selbst kaputt. Psychische Probleme nehmen durch Stress und Leistungsdruck auch unter Studierenden zu. 20- bis 30-Jährige zählen zu den Hauptrisikogruppen für psychische Erkrankungen. Die Verschulung der Uni mit Hausaufgaben, Deadlines wie Sand am Meer und gleichzeitig miserablen Betreuungsquoten leisten ihren Beitrag dazu. Die Arbeit frisst das Studium auf. Darunter leiden vor allem jene, deren Eltern keine dicke Brieftasche haben.

Studierende, deren Eltern selbst studiert haben, fällt das System Uni leichter, weil sie die Spiel- und Verhaltensregeln in die Wiege gelegt bekommen haben. Die Uni ist ein System mit vielen Spielregeln und einer ganz eigenen Kultur. Für die meisten Menschen ist sie ein Blase von “Großkopferten”. Das ist so wahr, wie es auch falsch ist. Einerseits handelt es sich dabei oftmals um ein Vorurteil und andererseits wird dieses Image von vielen gepflegt. Um dazuzugehören, muss man früh lernen, wie das Innenleben dieser Blase funktioniert und die eigene soziale Herkunft verbergen, um nicht als provinziell, unbegabt und dumm abgestempelt zu werden. Das zu benennen, damit beginnt Gesellschaftspolitik. Aufgabe der ÖH ist es daher, diesen Studierenden gezielt zu helfen und aus dem heraus eine grundlegende Kritik an der Lebensrealität zu bieten. Die ÖH muss Studierenden mit gesellschaftspolitischen Forderungen entgegentreten, die sie betreffen. Nur so können die Hochschulen zu einem Ort werden, an dem auch große politische Fragen jenseits der unmittelbaren Problemen von Studierenden diskutiert werden. Wenn die Stimme von Studierenden wieder gesamtgesellschaftlich relevant werden soll, dann braucht es diesen konkreten Anker in den unmittelbaren Problemen von Studierenden und nicht Symbolpolitik in Form von Petitionen innerhalb von ÖH Gremien und Presseaussendungen.

Im grünen Streit der letzten Monate – ob GRAS oder Grüne Studierende – ist Vieles undurchsichtig geblieben. Die Frage, die bleibt, ist: Wozu das alles? Veränderungen sind schmerzhaft. Wer es sich bequem einrichtet, kann auch die Notwendigkeit von Veränderung nicht sehen und macht folglich nicht mit. Allerdings haben wir es auch über die ÖH hinaus nötig, die ÖH ihrem eigenen Sumpf zu entreißen. Die Grünen Studierenden stellen für mich den Anker dar, um die ÖH aus diesem Sumpf zu ziehen. Die ÖH muss zu einem Ort werden, wo man politisch denken lernt und nicht lernt, was es heißt, österreichischer Politiker/österreichische Politikerin, oder braver Partei-Apparatschik zu werden. Angesichts der sozialen Lage von Studierenden, der zunehmenden Verschulung und des Bachelor/Master-Systems, das die Studiendauer an einem Hochschulstandort verkürzt, ist es zunehmend schwierig, Studierende davon zu überzeugen, sich zu engagieren. Die Not, der Druck und der Stress setzen leider oft das Gegenteil in Gang: Das Eintreten für die eigenen Interessen wird zurückgesteckt. Umso wichtiger ist, dass die ÖH eine offene Kultur entwickelt, in der aktiv und konkret auf Studierende und ihre Nöte politisch eingegangen wird. Die ÖH kann im Kleinen einen Beitrag zu einem demokratischen Aufbruch in Österreich leisten. Dazu braucht es eine linke Interessensvertretung, die sich nicht in der ÖH und ihrem Schrebergarten eingräbt.

Meine Empfehlung für die ÖH-Wahl: Ein demokratischer Aufbruch ist in der ÖH wählbar, daher Grüne Studierende.

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