Mein Rückzug und Aufbruch

Diese Woche habe ich für mich eine wichtige und schwierige Entscheidung getroffen. Ich habe mich dazu entschlossen mich aus all meinen politischen Funktionen Schritt für Schritt zurückzuziehen. Da ich sehr verstrickt in das Ganze bin, wird das noch die nächsten 2-3 Monate in Anspruch nehmen.

Ich möchte mich mehr um Studium, mögliche berufliche Perspektiven und Privatleben kümmern. Vieles davon habe ich in den letzten Jahren vernachlässigt, aufgeschoben oder hintenangestellt. Außerdem bin ich schon seit längerem zerrissen zwischen dem Anspruch, Funktionen so ausfüllen zu können, wie ich mir das (organisatorisch und zeitlich, abseits des Inhaltlichen) vorstelle und die finanzielle Sicherheit und Zukunftsperspektive zu haben, um eine Grundlage für professionelle politische Arbeit zu haben. Man wird sehr schnell in der Arbeitsweise eingeengt, wenn man nicht weiß was in einem Monat, geschweige denn in 6 Monaten ist. Vor ein paar Jahren war ich noch sorgloser, wenn auch nicht völlig sorglos. Inzwischen muss ich mich selbst sozialversichern, bekomme seit Jahren keine Familienbeihilfe mehr, zahle Studiengebühren und die Perspektive auf dem Arbeitsmarkt ist auch nicht gerade rosig. Von Spesen und sporadischen Werkverträgen kann man nicht leben, potentielle Nebenjobs schränken massiv ein, will man studieren und politisch aktiv sein.  Es ist sogar umgekehrt so, dass der politische Alltag für prekär lebende Ehrenamtliche zusätzliche Kosten erzeugt. Ich habe wahrscheinlich so viel Lehrveranstaltungen abgeschlossen, dass es für zwei Studien reicht, aber jetzt muss ein Studienabschluss her.

Über die Jahre hinweg wird man zu einem immer asketischeren Menschen, und dreht im Kopf jeden Euro um. Permanent auf Achse zu sein kostet einfach mehr. Ich möchte nicht in einer Funktion sein, ohne die Ressourcen zu haben, Politik und ihre Organisationen zu gestalten. Das hält mich klein und ich will mich nicht mehr klein halten lassen. Ich werde mich hier nicht ausjammern, denn Politik ist ein Privileg und schafft automatisch aus ihrer Machtkonzentration heraus noch mehr Privilegien. Ich durfte viele Erfahrungen machen, die den meisten Menschen verwehrt bleiben.

Ich bin 14 Jahren politisch aktiv, und ich habe die >Fragen< an die Verfasstheit unsere Gesellschaft und ihrer Veränderbarkeit verinnerlicht, was oft auch zumindest stille Selbstkritik mit einschließt. Politischen Handeln und Denken wird in meinem Leben immer eine Rolle spielen, Politik im Sinne von Funktionen aber nicht. Das bedeutet nicht, dass sich an das 14. Jahr kein 15. oder 16 Jahr anschließt, sondern dass die Zeit des Ehrenamtes vorerst vorbei ist und ich meinen Schwerpunkt verlagern werde.

Ich habe meine Aufgabe immer darin gesehen, Menschen nicht nur temporär für ein konkretes Anliegen oder eine Stimmabgabe bei der Wahl zu gewinnen, sondern für ihr ganzes Leben zu politisch denkenden und handelnden Menschen zu machen, egal, wohin es sie später beruflich oder privat verschlägt. Ich finde, es ist ein Anliegen, das man auch in der „großen“ Politik vertreten sollte. Zuletzt, habe ich das schon mehrmals im Kontext von „Politik von Unten“ genannt.

Persönlich habe ich meine Tätigkeit so angelegt, fragend durch die Welt zu gehen. Im politischen Alltag wird das nicht immer ganz sichtbar, weil ich oft mit kritischen Haltungen, auch in Form von Antworten, in verschiedenste Richtungen aufgefallen bin. Scharfe Antworten, schließen aber fragend und beobachtend durch die Welt zu gehen nicht aus. Wobei ich zugeben muss, dass es  mir oft schwer gefallen ist Fragen, die ich in den Gedanken habe, auch auszusprechen, womit natürlich vieles unbeantwortet bleibt. Jedenfalls muss man mit einer klaren Haltung damit leben angreifbar zu sein. Angreifbar zu sein, ist nicht immer strategisch falsch.

Meine politische Basis sind die Jungen Grünen, aber sie geht auch schon weit über sie hinaus. Über die Jahre hinweg habe ich mir auf vielen Ebenen Anerkennung erarbeitet und darauf bin ich stolz. Ich bin dankbar dafür, was ich von den vielen Menschen, die mir begegnet sind, lernen konnte und hoffe, in der einen oder anderen Konstellation wieder miteinander politisch zu tun zu haben.

In der nächsten Zeit werde ich mich noch um den Abschluss einiger offener Projekte kümmern und mich mehr in Ausbildung und Jobsuche vertiefen. Mein Spaß am Schreiben und der Lektüre, sowie die ein oder andere spannende Veranstaltung, werden mich am Rande politischer Kreise halten. Die Zeiten sind nicht die richtigen, vollkommen inaktiv zu sein. Es ist aber sehr wohl richtig, von Zeit zu Zeit Distanz zu gewinnen.

Danke an Alle, die mich in den letzten Jahren unterstützt, gestützt und mir bei meiner Weiterentwicklung geholfen haben.

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2 Kommentare on “Mein Rückzug und Aufbruch”

  1. Dominik Huter sagt:

    Es ist natürlich schade, wenn du die Ressourcen dafür nicht hast und dies offenbar einen von mehreren Gründen darstellt dich von der politischen Basisarbeit auszuklammern. Das ist schon exemplarisch für die Sinnhaftigkeit eines Bedingungslosen Grundeinkommens 😀 Nur am Rande, da ich hier keine politische Propaganda betreiben will.

    Ich glaube hast du dich gut vernetzt und das wird dir auch beruflich weiterhelfen! Außerdem habe ich immer die Bereitschaft all deiner Aktivitäten beobachtet und interessant gefunden wie ein Mensch ständig unterwegs auf Konferenzen sein kann. Das sehe ich als sehr aufopfernd für die Gesellschaft an, da es eben diese Leute braucht, die im großem Stil Vernetzungsarbeit leisten und dadurch die Schritte zur Arbeit für eine bessere Gesellschaft großräumig ebnen. Nicht zuletzt inspiriert das auch viele Menschen.

    Alles gute und man sieht sich bestimmt trotzdem wieder einmal bei der ein oder anderen politischen Veranstaltung 😉

    LG

    Dominik

  2. Guido Schwarz sagt:

    Das ist dein Weg und du musst ihn gehen. Meinen Respekt dazu hast du.


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