Scheinheiligkeit: Die Dämonisierung des Rausches – Kommentar zu „Im Zentrum“ vom 6.7.2014

Eines ist in der Debatte um die Drogenlegalisierung im Gestrigen „Im Zentrum“ (6.7.2014) aufgefallen. Alle reden davon, wie schädlich Drogen sind und dämonisieren den Rausch. Eine rauschfreie Gesellschaft wird immer eine Illusion bleiben, sei es beispielsweise im Sport, sich auf die Bühne zu stellen oder durch Substanzen wie THC oder Koffein. Das es je nach Substanz ab einem gewissen Punkt oder grundsätzlich gesundheitschädlich ist, geschenkt! Allerdings, als Menschen wollen wir aber nicht nur bloß funktionieren. Anstatt über moderaten, selbstbestimmten und aufgeklärten Genuss des Rausches zu sprechen und die Erziehung dazu, wird über die substanzbedingten Folgen schwadroniert – auf beiden Seiten.  Zwar ist die Problematik der Kriminalisierung zentral für die Debatte, spricht alleine genommen aber nicht für eine Legalisierung sondern für eine Entkriminalisierung (Beispielsweise die Straffreiheit von gewissen Mengen, oder Ahndung durch das Verwaltungsstrafrecht anstatt dem Strafrecht).

Das Faktum, dass Menschen den Rausch mit Cannabis suchen und die Frage im Anschluss daran, wie ihnen ein sicherer Umgang damit zu gewährleisten ist, wäre in den Mittelpunkt der Debatte um Legalisierung zu stellen. Es braucht daher eine Diskussion, die auf Genuss bezogen ist und nicht Substanz bezogen. Dies auch weil es darum ginge, jene Formen des Konsums im Generellen zu erfassen, die nicht durch die Einnahme von Substanzen zustande kommen. Wenn eine rauschfreie Gesellschaft eine Illusion ist, dann stellt sich nun einmal die Frage, wie man Menschen einen sicheren Genuss gewährleisten kann. Das heißt unter Berücksichtigung von Alter, Gesundheit sowie dem Setting in dem konsumiert wird, der Produktion und des Handels.

Darüber hinaus ist die Kritik an der künstlichen Trennung zwischen gesellschaftlich bzw. kulturell anerkannten bzw. nicht anerkannten Drogen richtig, geht aber nicht weit genug. Die Frage unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen (Arbeitsverhältnisse, Ökonomie) wird wie viel konsumiert und wie bedingen diese Verhältnisse, dass bestimmte Substanzen wie Koffein und Alkohol in einem extrem schädlichen Ausmaß konsumiert werden, wird außer Acht gelassen.

Die Saufgelage von Parteien und PolitikerInnen sind legendär und ihre Scheinheiligkeit dabei sind noch legendärer. Vielleicht wäre es ja einmal ein Anfang, wenn die österreichische Politik ihre eigene (Organisations-) Kultur überdenkt und wenn es was zu feiern gäbe (!), auch feiern zu lernen ohne dabei andere Schief anzusehen, wenn sie weniger Trinken oder wenn Alkohol nicht zu deren Genussformen gehört. Vielleicht würde das ja auch ein bisschen dazu führen, dass PolitikerInnen sich einmal selbst mehr spüren anfangen. Genug des Sarkasmus. Tatsächlich die scheinheiligste Debatte ist wirklich der Umgang mit Alkohol. In Österreich wird man mit dem Alkoholkonsum groß und gehört nicht dazu, wenn man keine Kotz- und Vollrauschstories vozuweisen hat. An die hier mitlesen sei die Frage gestellt, wie viele denn angetrunken oder vollkommen betrunken ihre ersten sexuellen Erfahrungen gesammelt haben?

Allerdings, nicht der Einzelne auf einem gelegentlichen Trip ist das Problem, sondern der Trip auf dem die Gesellschaft ist: Alles schneller, intensiver, aggressiver und gleichzeitig zerstückelter und weniger greifbar. Dieses exzessive Pseudo-Leben dient dazu die Abwesenheit eines „echten“ Lebens zu übertünchen. Weil der immer intensiver werdende Arbeitsalltag, die Zunahme des ökonomischen Drucks und die Abwesenheit eines Gedankens daran, dass es einmal ganz anders werden könnten, die Möglichkeit der Erfahrung der und des Anderen und einer Selbst den Menschen nimmt, versteigen die Menschen sich in den Dauertrip: Im Sport, bis die eigene Hormonproduktion den Schmerz verschwinden lässt und man für Momente glücklich wird, das ständige Halten des Koffeinpegels um Arbeitsfähig zu bleiben, bis zur Koks-Line um weiter Party machen zu können. Die Dosis macht das Gift, heiß es. Rausch kann was schönes sein. Also: Mehr Mut und Ehrlichkeit in der Legalisierungsdebatte!

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