Von Schwangeren, die auf Demos gehen wollen – Gastbeitrag von Martina Manneh*

2011 war ich schwanger und anstatt auf die NoWKR-Demo zu gehen blieb ich zu Hause. Nicht weil ich es mir so ausgesucht hatte, oder weil es kein Demonstrationsrecht für Schwangere gibt, sondern weil ich wußte, dass es willkürliche Polizeigewalt – wie schon bei bisherigen Demos aus dem linken Spektrum – geben wird. (ein besonderer Tiefpunkt auch die Demo am Tag der Frauen, dem 8. März 2010?, als es zu gewalttätigen Attacken der WEGA auf Frauen* vor der Burschenschaft Olympia in der Gumpendorfer Straße kam) 

Ich habe mich aufgrund meiner Erfahrungen mit der Polizei dazu genötigt gefühlt – aber sicher nicht frei entschieden – zuhause zu bleiben. Liebend gerne wäre ich den rechten Recken mit meiner Anwesenheit entgegengetreten. Zum Beispiel, weil meine damals werdende Familie nicht in deren faschistischen Gesellschaftsentwurf passt. Wir werden als Mischfamilie bezeichnet wird, unser Kind entspringt demnach einer Mischehe. Nazidiktion.

Die vierzehn Wörter – ein Nazi-Code – bedeutet „We must secure the existence of ourpeople and a future for White children.” 

Während Kids, die meinem Kind auf den ersten Blick so ähnlich sehen, wegen den Stoppellocken und extra weiß erscheinenden Zähnen, Werbeplakate schmücken, wusste ich mit meinem immer größer werdenden Bauch, dass es für uns eng wird. in der Welt der Rechten gibt es für eine Mischfamilie keinen Platz, zumindest nicht in Wien oder Österreich und Europa.

Der Ton von Fekter & Co hat gewirkt, die Message ist unten in den Büros der MA 35, den BHs, der GKK, im AMS usw bei annähernd allen angekommen. Das wird mit einer hingefetzen PA zur vorgeblich antifaschistischen österreichischen Verfassung auch nicht besser (http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20140517_OTS0013/sp-schicker-freie-meinungsaeusserung-endet-wo-verbotsgesetz-beginnt)

Mein Kind war bereits ein Jahr alt und die Entscheidung für das meinen Partner betreffende Verfahren am Asylgerichtshof war noch immer nicht gefallen, als mir dieser (im Protokoll der Anhörung meines Mannes nachzulesen) nicht präjudiziell zumutete als Frau mit Kind im Geburtsland meines Partners leben zu können. Mein Kind würde umgehend und ich nach Auflagen (durchgängiger 7jähriger Aufenthalt im Land) sogar die Staatsbürgerschaft erhalten. Bei einer Recherche im Internet werdet auch ihr unzählige Urteile des AsylGh finden, in denen österreichischen Familienangehörigen zugemutet wird, in ein Entwicklungsland zu ziehen. Diese Zumutbarkeiten werden ausgesprochen, um formal festzustellen, dass das gemeinsame Familienleben im Ausland stattfinden kann, die Abschiebung der eigentlich betroffenen Person also legitim ist, weil das Menschenrecht auf Familie nicht gebrochen wird.

Ich verstehe – wie andere Marxistinnen – die Polizei als Teil des repressiven Staatsapparats. Ich meine aber auch, dass nicht alle Personen innerhalb der Polizei im selben ausgepägten Maße brutal oder unprofessionell sind oder das zumindest am Beginn eines Einsatzes nicht planen.

Polizeipräsident Pürstl aber hat in seinem öffentlichen Umgang mit dem Einsatz gegen die OGR und NoWKR-Demo deutlich vorgeführt, dass es in der Wiener Polizei keinerlei Anspruch gibt Diensthandlungen professionell durchzuführen.

Gleichzeitig ist bekannt, dass innerhalb der Sondereinheit WEGA der Anteil der FPÖ-Gewerkschaft AUF (die bei linken Demos für gewöhnlich ihre Polizisten mit RedBull usw versorgt) bei mittlerweile 50% liegt. Dass ein blauer Block, von dem sich mind. die Hälfte inhaltlich mit den Identitären identifiziert, nicht gerade ein Interesse daran hat auf der Demo der entsprechenden Gegnerinnen deeskalierend zu handeln ist naheliegend.

In dieser Nacht 2011 als ich zu Hause blieb hatte die Polizei wieder Mal die Herrschaft über meinen (schwangeren) Körper. Dabei sein oder nicht, die Polizei hat ihn sich an diesem Abend erobert. Und Respekt an jede, die den Mut findet und rausgeht trotz der Zweifel. Aus Angst mein Kind zu verlieren blieb ich zu Hause, es kann schon ein Stoß über die Gehsteigkante tödliche Folgen haben und leider kann ich bezogen auf meine Erfahrungen auf einer linken Demo in Österreich nicht sicher meines oder meines Kindes Leben sein. Für gewöhnlich kann ich jeden Schritt den ich mache kontrollieren. spätestens wenn ich erwachsen bin weiß eine für gewöhnlich was geht und was nicht, um sich nicht selbst oder auch andere zu gefährden. Dieser Vertrauensgrundsatz gegenüber sich selbst ist bei einer antifaschistischen Demo anzuwenden, gilt aber nicht für andere (die Polizei), weil einzelne Bullen ihre eigene politische Haltung nicht im Spint einsperren, wenn sie ihre Uniform aus diesem nehmen.

Ein täglich zunehmend beträchtlicher Teil der in Österreich lebenden Menschen hat bereits mindestens einmal eine gewalttätige Erfahrung mit der Polizei gemacht. Wer an der Polizei zweifelt, zweifelt am Staat. Und das mache ich längst. Ich greife die Polizei nicht tätlich an und grundsätzlich ist sie nicht Adressatin meiner Forderungen, wenn gleich ich überrascht bin, dass nach den Gewaltexzessen seitens der Polizei von gestern nicht mehr passiert ist, als deren Auto mit Farbe zu überschütten. Mir wurde regelmäßig und bis heute auf verschiedenen Behörden mehr oder weniger deutlich gemacht, dass ich mich vom Staat und meinen Staatsbürgerinnenrechten entferne, weil ich mich für meine Familie entschieden habe. Der Staat desintegriert mich und andere strukturell und zudem entfernt mich und jeden Tag mehr Menschen, jede körperlich gewalttätige Ausschreitung der Polizei, von ihm.

Ich trage täglich eine Brille. Gestern nicht, weil ich nicht riskieren wollte, die Gläser aus der Fassung ins Auge gedrückt zu bekommen. Für Kontaktlinsen-Tragende kann ein Pfefferspray-Einsatz ewig bleibende schwere Sehschäden nach sich ziehen. Ich erinnere mich noch an brutale Bilder einer Demo gegen den WKR-Ball auf denen zu sehen ist, wie ein Rollstuhlfahrer ohne seinen Rollstuhl von der WEGA über den Asphalt geschliffen wurde. Gestern habe ich mit eigenen Augen gesehen wie es einem Antifaschisten mit Beinprothese genau so erging. Aber selbst Leute mit zwei gesunden Beinen müssen fürchten, diese doppelt gebrochen zu bekommen (siehehttp://www.komintern.at). Undich bin erleichtert, dass keiner von jenen, die gestern triefend nass von der Pfefferspray-Giftdusche waren, allergisch gegen das Zeug oder nur Asthmatiker war. Der Einsatz hätte zu ihrem Tod führen können. Wem bleibt denn noch sein oder ihr Demorecht?

Gestern skandierten die Identitären auf ihrer von der Polizei geschützten Demo: Stop Integration! Ob eine der teilnehmenden Frauen schwanger war, werden wir nie erfahren. Weil die Rechten keine Übergriffe seitens der Polizei zu befürchten hatten.

*Ich kenne Martina Manneh noch aus meiner ÖH-Zeit und habe sie gefragt, ob sie diesen Text, den sie im Zuge der Demo am 17. Mai 2014 und der exzessiven Polizeigewalt geschrieben hat mir zur Veröffentlichung auf meinem Blog zur Verfügung stellen würde.

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