Gedenken und Erinnern*

In der Nacht von 9. auf 10. November vor 75 Jahren fanden die Novemberpogrome auch in Graz statt. Im zynischen Tonfall des nationalsozialistischen Jargons wurde der Gewalt als „Reichskristallnacht“ eine unheilvolle Ausstrahlung verliehen. Die Novemberpogrome symbolisierten einen Höhepunkt auf dem Weg zur absoluten Vernichtung. Sie fanden in der Mitte der nationalsozialistischen Gesellschaft, in den Täterstaaten Deutschland und Österreich statt. Sie sind der gewaltvolle Vollzug von Entmenschlichung und Entwürdigung. Ihnen folgten Deportation, systematisch-organisierte Vertreibung und Vernichtung.

In wenigen Zeilen kann nicht beansprucht werden, etwas darzustellen, was die Vorstellungskraft fortwährend übersteigt. Es zu erklären, darüber Bescheid zu wissen oder es schon verstanden zu haben, soll nicht nur Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung sein, sondern ein immerwährendes Bemühen, über das Geschehene erfahren zu wollen, sich darüber auszutauschen und die nationalsozialistische Vergangenheit für Generationen erfahrbar zu erhalten. Erfahren und Gedenken kann man nur, wenn man benennt – und nicht verdrängt. Benannt werden müssen nicht nur die Orte der unmittelbaren Gewalt der industriellen Massenvernichtung, sondern die Stätten, Orte und gesellschaftlichen Formationen der Vorbereitung, Organisation und Verwaltung des antisemitischen Wahns. Dazu gehören auch die Orte des Vordenkens, wie die Universitäten. Ein solcher Ort ist beispielsweise auch das ÖH Gebäude der Universität Graz. Prof. Helmut Konrad hat diesen Ort so beschrieben:
„Orte des Vordenkens sind oft ambivalent. Vorgedacht wurde an dieser Universität sowohl in Richtung von Nobelpreisen als auch in Richtung von Legitimierung und Durchsetzung der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. Hier, am ehemaligen Sitz des NS-Studentenbundes, sei die akademische Jugend zu Kritik und Selbstkritik, zu Toleranz und Offenheit aufgerufen. Die Jahre der Vertreibung und Vernichtung bleiben im Gedächtnis als Mahnung und als Warnung.“

Gerade die Universität ist aber auch der Ort, an dem das Erinnern fortwährend erneuert werden kann. Die Vielschichtigkeiten der Disziplinen sollten nicht aufgrund ihrer verschiedentlichen Deutungen kritisiert, sondern als Perspektiven integriert und hochgehalten werden, um damit ein kritisches Denken, auch im Sinne eines Gedenkens, Erfahrens und Erinnerns lebendig zu halten – damit das „Nie wieder“ Wirklichkeit bleibt.

*Der Text wurde von mir auf Wunsch der ÖH Uni Graz in Erinnerung  an die Novemberpogrome 1938 für das Jahr 2013 verfasst. In zahlreichen Lehrveranstaltungen der Universität Graz wurde am Freitag den 8. November anlässlich des Gedenktages obiger Text vorgelesen und eine Gedenkminute abgehalten. Er ist ebenfalls auf der Homepage der ÖH Uni Graz publiziert worden:  http://oehunigraz.at/allgemein/erinnern_und_gedenken/

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