8. Mai Staatsfeiertag? Wer nicht feiert, hat verloren!

Der 8. Mai soll ein Staatsfeiertag werden. – Warum? Der 8. Mai 1945 markiert das Ende der Nationalsozialistischen Terrorherrschaft: die bedingungslose Kapitulation Nazideutschlands gegenüber den alliierten Befreiern. Es ist eine Befreiung im doppelten Sinne: Eine tatsächliche und eine potentielle.  Tatsächlich im Sinne der Befreiung der Menschheit von der Herrschaft einer Ideologie die jedes Individuum zum gesichtslosen Teil der sogenannten deutschen „Volkgemeinschaft“ reduzierte. Im  Gleichschritt wurde die brutale Ausgrenzung jener, die als anders definiert wurden –JüdInnen, Roma und Sinti, Homsexuelle, sogenannte „Asoziale“, KommunistInnen, Liberale, Sozialdemokraten –  organisiert. Jedoch war es keineswegs eine in der Masse erzwungene „Volksgemeinschaft“, viel mehr eine Zustimmungsdiktatur, nein, sogar eine, die bereitwillig und hingebungsvoll unterstützt wurde. Die Aufgabe der eigenen Individualität, Freiheit und Selbstbestimmtheit war Schritt für Schritt selbst gewählt. Die geradezu hingebungsvolle Abgabe der eigenen Individualität ging im Gleichschritt mit der brutalen und gewaltätigen Aberkennung vom Menschsein anderer, vor allem Juden und Jüdinnen, die dabei den absoluten Vernichtungswillen auf sich zogen.  Sie wurden zu „Gegenrasse“ schlechthin erkoren. Ihre Vernichtung wurde zum Endpunkt einer wahnhaften Utopie, einer Weltvorstellung, in der eine Welt ohne Juden und Jüdinnen eine heile wäre.  Doch am Ende war keine heile Welt. Am Ende war Ausschwitz, der industrielle Massemord.

Daran schließt die Befreiung in potentieller Form an, in dem Sinne, dass sie die Möglichkeit der Verwirklichung von Freiheit und Selbstbestimmtheit erzwungen hat. So stimmt es durchaus, dass Andersein, ein Fremdsein, eine Andersdenken  in der heutigen Gesellschaft Bedrängung und Ausgrenzung bedeutet. Die nationalsozialistische Terrorherrschaft hat aber hingegen durch ihre alle Lebensbereiche durchdringende Ideologie die Frage nach Selbstbestimmtheit und Freiheit in absolute Hoffnungslosigkeit verbannt, das einzige Ziel war das Überleben. Umso stärke muss die Selbstbehauptung und der Kampf aus dem Inneren der Wenigen hochgehalten und gefeiert  werden – von den WiderstandstkämpferInnen bis zu den Deserteuren.

In der Österreichischen Politik und im kollektiven Gedächtnis scheint jedoch das Ende der Nazi-Herrschaft eine Randerscheinung, im Vergleich zum Ende der Besatzungszeit und des Staatsvertrages 1955. Lange Zeit hielt sich der Mythos in der offiziellen Geschichtsschreibung des sogenannten „ersten Opfers der Nazis“. Nicht weniger weitverbreitet sind die Geschichten von  Gräueltaten der Roten Armee in den Tagen der Befreiung die zwischen Kriegrealität und haarsträubendem Erfindergeist schwanken, insbesondere dort, wo die „Rote Gefahr“ niemals einen Fuß hingesetzt hat. Die jahrelangen Verbrechen der Nazis und ihrer Schergen, auf den Straßen und in der direkten Nachbarschaft, also in den über 90 Nebenlagern, Außenstellen von Mauthausen und Dachau, in Ortschaften, Städten wie Bergwerken, den vorbeiziehenden Todesmärschen bis hin zu den Zwangsarbeitern an Bauernhöfen, scheinen verdrängt.

Dem entgegen stellen wir das Feiern des 8. Mai. Wir feiern die Befreier – die Aliierten Mächte, die WiderstandskämpferInnen, Deserteure, RetterInnen, die unter Bedrohung ihres Lebens andere Menschen vor der sicheren Vernichtung bewahrt haben.  Wer dies nicht feiert, hat kapituliert!

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One Comment on “8. Mai Staatsfeiertag? Wer nicht feiert, hat verloren!”

  1. H Fruebis sagt:

    Lieber Cengiz Kulac,
    als gesellschaftspolitisches Zeichen ist die Forderung nach einem Staatsfeiertag sicher richtig. Aber wie verhindert man, dass solche Feiertage zu inhaltslosen Ritualen „verkommen“? Das war gerade die Kritik der 80er/90er Jahre an den Mahnmalen zum Gedenken an die NS-Opfer („Kranzabwurfstellen“, http://berlin-judentum.de/denkmal/kranzabwurf.htm). Was aber noch viel schwieriger zu fassen ist, ist das Thema der Befreiung. Weder Deutschland noch Österreich haben sich selbst befreit. Wenn das Kollektiv also feiert, kann es nur die Anderen feiern.

    Es war/ist ein langer Prozess in der BRD sich mit Schuld, Täterschaft, Mitläufertum etc. auseinanderzusetzen oder sie überhaupt anzuerkennen – an den fehlenden/unzulänglichen Begriffen zeigt sich schon das Problem. Wie unzulänglich es geblieben ist, zeigt sich aktuell im Versagen der stattlichen Instanzen gegenüber „Rechtsradikalen Verbrechen“ (NSU) oder dem Umgang mit Migranten/ Asylsuchenden („refugee strike“).

    Sorry, keine kleinen Themen. Aber viel Unbehagen (ich erwarte auch nicht, dass Sie es lösen können). In Skepsis was Staatsfeiertage anbelangt greetings from Berlin, Hilla Frübis


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