Wer braucht denn schon Heimat?

Ein persönlicher Kommentar erschienen in der Zeitschrift Libelle, Ausgabe März 2012

Mir fällt es schwer zu fassen, was Heimat ist. Heimat war für mich immer wie ein Gewand, das mir nicht passte, zu eng geschnitten, einzwängend. Ich passte einfach nicht hinein. Lange Zeit habe ich mich persönlich mit Fragen bezüglich fremd sein und vertraut sein, Ferne und Nähe, Fremde und Heimat, fremde Heimat, neue und alte Heimat auseinandergesetzt. Oft bin ich an diesen Begriffen hängen geblieben. Und sie machen mich noch heute wild, wie mit ihnen gekämpft wird und wie sie umkämpft sind. So wie der Begriff heutzutage fungiert, hat er die politische Funktion, die einen darin zu integrieren und andere auszuschließen, etwas als anders zu definieren, damit es überhaupt als anders erscheint, und vom Vertrauten abzugrenzen. Das ist die Realität. Alleine das ist aber nicht die Frage. Irgendwann stolpert man als vermeintliche/r Linke/r über die Frage, ob Heimat immer negativ besetzt sei, also von den Rechten, den Völkischen, den Nazis und so weiter. Oder gibt es auch einen positiven Begriff oder im Links-Sprech: einen emanzipatorischen Begriff. Die Frage kann nicht mit Ja oder Nein beantwortet werden, weil sie falsch gestellt wird; mehr noch, diese Frage ist Teil des Problems. Man betrachte die AkteurInnen der Debatte darum. Einerseits die „soziale Heimatpartei“ FPÖ, deren Übersetzung für Heimat Nation, Nationalismus und ethnische „Reinheit“ ist und alles, was anders erscheint, durch Hetze, Rassismus und Antisemitismus ausgegrenzt wird. Der Heimatbegriff ist ein Brandbeschleuniger. Anstatt den „sozialen Heimatparteien“ mit ihrer nationalen Antwort auf die soziale Frage zu kontern, kämpfen viele Linke mit ihnen um einen integrativeren Heimatbegriff, plakatieren MigrantInnen, lassen sie „weil Österreich auch meine Heimat ist“ sprechen. Hier wird aber den Menschen das Recht auf Heimat und nicht das Recht, dort zu leben, wo man leben möchte, gewährt. Nicht jeder Mensch ist auf der Suche nach einem Ort, wo er/ sie in eingebildeter Einheit mit anderen leben kann. Das Recht auf Heimat ist das verkrüppelte Menschenrecht, den Ort wählen zu können, wo man zu leben wünscht. In eben dieser Frage bin ich auf keiner Seite.

Ich kann mich nur selbst als Beispiel nehmen. Ist Österreich meine Heimat, weil ich hier geboren bin, hier aufgewachsen bin, weil ich deutsch spreche oder weil ich einen österreichischen Elternteil habe? Ist die Türkei meine Heimat, weil ich einen türkischen Elternteil habe oder weil ich einen türkischen Namen habe? Bevor ich ein Auslandsjahr in den USA begonnen habe, habe ich an keinem anderen Ort gelebt als in Graz. Gleichzeitig wurde ich in Österreich als Fremder betrachtet, man hat mir aufgrund meines Namens die Frage gestellt, warum ich den so gut Deutsch könne, woher ich komme und was meine Sitten so wären, und ob ich vorhätte, in einer Vielehe zu leben, was so nebenbei in der Türkei verboten ist. Das war Alltag, neben Übergriffen. In der Türkei wurde mein schlechtes Türkisch zwar als mittlere Schande betrachtet, Türke war ich aber dennoch; mehr noch, zumindest 51 Prozent Türke, auch wenn ich dort nie lebte, da ist der türkische Nationalismus tolerant, oder umgekehrt, es ist gerade sein Element, alles für türkisch zu erklären. Oder sind gar mein Umfeld, FreundInnen, Familie meine Heimat? Lange Zeit wollte ich diese Frage beantworten. Doch ich kann es einfach nicht. Da ich selbst oft als das Fremde gestempelt werde, verwirrt einen die Erkenntnis in dieser Frage, wenn einem das vermeintlich Fremde als vertraut und das Vertraute als fremd erscheint.

Ziel im politischen Diskurs um den Heimatbegriff muss es meines Erachtens nach sein, den Begriff selbst aus dem Diskurs zu verbannen und Heimat eine individuelle Ausgestaltung jenseits kollektiver Identitäten wie Nationalität angedeihen zu lassen, den Begriff einen neutralen Begriff werden zu lassen, aber nicht einen solchen, der nur vorgibt, dies zu sein und eine entsprechende Debatte tabuisiert. Heimat erscheint vielen als ein Ort von Vertrautheit. Viel eher ist aber an der Zeit, das Vertraute im vermeintlich Fremden zu betrachten und das verdrängte Fremde in sich selbst zuzulassen. Wer braucht dann noch so einen Begriff wie Heimat?

Advertisements


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s