Von Mysteriösen Mächten verfolgt. Interview mit Moishe Postone.

Erschienen in der Zeitschrift Progress, Ausgabe März 2012

Am 27. Jänner 2012 – dem Internationalen Holocaust-Gedenktag, dem Tag der Befreiung von Auschwitz – luden Wiener Burschenschaften in die Hofburg, um das Tanzbein zu schwingen. Doch der Ball des Wiener Korporationsrings ist mehr als nur eine Tanzveranstaltung, er ist Dreh- und Angelpunkt zur Vernetzung von Rechtsextremen und Neo-Nazis in Österreich und ganz Europa. PROGRESS sprach über den Strache-Sager und typisch österreichische Kontinuitäten nach 1945 mit Moishe Postone, Professor an der University of Chicago. Ein hintergründiger Bogen von Antisemitismus, falsch verstandenem Antikapitalismus, TäterInnen-Opfer-Umkehr, bis hin zur Bedeutung von Auschwitz.
PROGRESS: Über Heinz-Christian Straches Aussage „Wir sind die neuen Juden“ wurde in den österreichischen Medien ausführlich berichtet. Es hagelte Kritik, aber Tiefgang fehlte. War das nur ein einmaliger „Ausrutscher“ oder steht das für eine Kontinuität in Österreich und Deutschland nach 1945?


MOISHE POSTONE: Seit 1945 haben sich Rechte in Österreich und Deutschland auf unterschiedliche Art und Weise als Opfer dargestellt. Denn Österreich hat ja den wunderbaren Mythos, das erste Opfer des Nationalsozialismus, und dann Opfer der Besatzung gewesen zu sein. Aber auch die Deutschen fühlten sich als Opfer der Bombardierungen und der Teilung des Landes in BRD und DDR. Wenn die österreichischen Neo-Nazis und Burschenschaften nun sagen, sie seien „die neue Juden“, sagen sie damit: Wir sind die Opfer. Dabei ist es wichtig, festzuhalten: Das sieht zwar aus wie eine Umkehrung, ist es aber nicht. Denn Antisemitismus selbst basiert auf dem Glauben der Menschen, dass sie von mysteriösen Mächten verfolgt werden, die sie dann mit den Juden gleichsetzen. In diesem Sinne besteht eine Kontinuität auf einer tiefliegenden Ebene zwischen Nazi-Antisemitismus und einem Opfermythos Österreichs und Deutschlands – noch bevor sie sich mit Juden gleichsetzten.

Damit findet ein Austausch der TäterInnen- und der Opferrolle statt?
Ja, allerdings setzt Antisemitismus Juden immer mit Tätern gleich.

Sie schreiben, „Auschwitz war eine Fabrik zur Vernichtung des Wertes …, das Ziel, das Konkrete vom Abstrakten zu befreien“. Sie setzen damit Antisemitismus und Kapitalismus in Bezug. Könnten Sie das weiter ausführen?
Ja, ich habe auch in meinem Aufsatz geschrieben, der Antisemitismus sei eine fetischisierte Form von Antikapitalismus. Das haben viele missverstanden. Denn ich sage damit nicht, die Nazis seien auf dem richtigen Pfad gewesen. Sondern nationalsozialistisches Denken ist eine Reaktion auf den Kapitalismus, die auf fundamentalem Unverständnis gegründet ist. Denn das Faktum, dass man gegen etwas ist wie Kapitalismus, macht diese Gegnerschaft ja noch nicht progressiv. Es kann sie auch reaktionär und mörderisch machen.

Also ist es eine rückschrittliche Form des Antikapitalismus?
Es ist vielmehr eine Verschiebung, eine verschobene Form des Antikapitalismus. Denn anstelle eines post-kapitalistischen, deutet der Nationalsozialismus auf die Utopie eines post-jüdischen Universums. Man glaubt: Gäbe es keine Juden, die Welt wäre heil.

Ist es dann richtig zu sagen, Juden und Jüdinnen hatten keinen Wert für die Nazis?
Nein, ich würde diese Problematik mit Marx betrachten und eher das Gegenteil behaupten. Was die Nazis glaubten zu vernichten, indem sie die Juden umbrachten, waren jene Merkmale der kapitalistischen Gesellschaft, die Marx mit dem Wert assoziiert. Marx sagt, dass die grundlegende Form der kapitalistischen Gesellschaft, die Ware, einen Doppelcharakter hat, einen konkreten und einen abstrakten. Im Weltbild des NS werden Juden und Jüdinnen zur Verkörperung des Abstrakten, und die Deutschen zu Repräsentanten des Konkreten, des Gebrauchswerts. Das Abstrakte, den Wert, will man dann auslöschen. Auch daran erkennt man, dass es widersinnig ist, Nazis als antimodern zu bezeichnen. Sie haben sich sehr positiv auf Technologie bezogen, weil Technologie für sie konkret war.

Das heißt, die JüdInnen wurden der konkreten, produktiven Arbeit gegenübergestellt?

Ja. Im Gegensatz dazu wurden Juden und Jüdinnen zu Parasiten erklärt. Sie stehen für die Finanzwelt. Gleichzeitig wurden sie aber auch mit Bolschewisten identifiziert. In beiden Fällen wurden sie als abstrakt, als Kosmopoliten gesehen, die wurzellos sind. Darin zeigt sich eine primitive Form des Antikapitalismus. Anstatt die Warenform zu begreifen, wird nur die abstrakte Dimension gesehen, ähnlich wie bei Pierre-Joseph Proudhon im 19. Jahrhundert, der das Geld abschaffen wollte. Sein Verständnis des Kapitalismus und sein Antisemitismus sind aufs Engste verbunden.

Die Niederlage der K.u.k.-Monarchie im ersten Weltkrieg verbunden mit sozio-ökonomischen Veränderungen führte ja damals in Österreich zur Zunahme von Antisemitismus. Wie hat sich das weiter ausgewirkt?
Man erinnere sich, dass knapp ein Viertel der Einwohner Wiens Juden waren. Neben Budapest lebten hier die meisten städtischen Juden in Europa – mehr als in Berlin. Bis die Nazis in Deutschland die Macht übernahmen, war der Antisemitismus in Österreich stärker als in Deutschland. Der frühere Oberbürgermeister von Wien, Karl Lueger, ist dafür ein gutes Beispiel. Hitler bewunderte ihn sehr, und doch ist noch immer die Straße vor der Universität Wien nach ihm benannt.

Hitler bezeichnete ihn als „größten deutschen Bürgermeister aller Zeiten“. Dass noch immer ein Teil der Wiener Ringstraße nach ihm benannt ist, sollte sich dringend ändern. Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Cengiz Kulaç.

Zur Person: Moishe Postone (*1942) ist Historiker an der University of Chicago und Teil des Committee on Jewish Studies. Er war Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung und promovierte 1983 an der Frankfurter J. W. Goethe Universität. Bekannt wurde Postone im deutsch- sprachigen Raum insbesondere durch seinen offenen Brief an die deutsche Linke und seinen Aufsatz Nationalsozialismus und Antisemitismus – Theoretischer Versuch.


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