Gastbeitrag: Über das Leben eines Heterojungen mit schwulen Eltern.

Schon ein etwas aelterer Beitrag aber auf jeden Fall interessant, schon etwas laenger vorgenommen in online zu stellen und jetzt ist es so weit. Here we go!

Über das Leben eines Heterojungen mit schwulen Eltern.

von Armin Soyka

Ich kenne die verschiedenen Modelle zur Bestimmung der eigenen sexuellen Identität. Ich kenne sie nicht gut, aber ich weiß ungefähr was es gibt. Ich kenne auch mich halbwegs. Mittlerweile. Früher war das anders. Da war mir der Begriff “sexuelle Identität” noch kein Begriff.  Worauf ich stehe, im Bett, aber auch im Leben, war eh klar. Das stand ja auch nie zur Diskussion. Ich konnte immer ganz gut mit dem, was normal war, leben. Und solange du normal sein kannst, ohne dass dir was fehlt, gibt’s ja auch wenig Grund zu reflektieren. Außer das System – die Schule, oder die Eltern sehen es vor. Tat es aber nicht.

Ich war ein kleines Heterobubi, ohne ernst zu nehmende sexuelle Erfahrung und ohne jegliche Reflexion über meine eigene sexuelle Identität, als ich mit siebzehneinhalb Jahren plötzlich schwule Eltern hatte. Kelly und Glenn gaben mir ein Zuhause. Für fünf Monate und 11 Tage lebte ich unter ihrem Dach, spielte nach ihren Regeln und wurde von ihnen geliebt und liebte sie.

Eine spannende Zeit brach an für mich. Was war passiert? Ich wurde Austauschschüler. Am 27 Dezember 2007 ging alles los. Eine Gastfamilie sei gefunden worden für mich, lies man mich wissen – immerhin, drei Wochen vor Abflug war das höchste Zeit. Alle anderen hatten ihre Familien schon seit Monaten. Die kurze Vorlaufzeit würde nicht das einzige bleiben, das meine Erfahrung von denen meiner fellow sendees unterscheiden würde. Ich kann mich genau an das Gespräch erinnern. Es gebe ein lesbisches Paar in Tucson, Arizona, das mich gerne aufnehmen würde. Aber natürlich könnte ich das Placement ablehnen.

Und da begannen die Rädlein in meinem Kopf zu rattern. Lesben. Homosexualität. Fragezeichen. Weiter kam ich nicht. Ich war immer ein umtriebiger Kerl gewesen. Verschiedene Schulen, Turnverein, Ministranten, große Verwandtschaft. Eine outgoing person. Ich kannte viele Leute. So geschätzt 3’000 hätte ich gesagt. Und ich hätte keinen einzigen benennen können, der schwul ist, keine einzige, die lesbisch wäre. Das machte mich baff.  Ich hatte nie Probleme mit Schwulen gehabt. Wie auch – es gab sie ja in meine Leben auch nicht.

Nach ein wenig Recherche stellte sich heraus, dass es sich um zwei Männer handelte, keine Frauen. Ein Fehler in der Kommunikation. Beides studierte Psychologen. Sie hatten schon sechs mal vor mir gehostet und klangen am Telefon und per Mail ausgesprochen aufgeschlossen und liebenswert.

Ich traf eine der Entscheidungen. Sie würde mein Leben auf den Kopf stellen. Ich sagte ja.

Und so landete ich drei Wochen später, am 11. Jänner 2008, bei 18 Grad Außentemperatur am Tucson International Airport. In der Ankunftshalle warteten sie auf mich. Das Bild werde ich nie vergessen. Kelly in ockerfarbenen Trenchcoat, neben im Glenn in Shorts, kurzem Hemd, Crocs und Starbucks Trinkbecher in der Hand – beide strahlen sie mich an. Immer wieder wandern diese Bilder durch meinen Kopf. Das Wohlwollen, die Ruhe und gleichzeitig die Vorfreude. In ihren Gesichtern war es alles abzulesen. Nicht oft haben Neugeborene – und das war ich in ihren Augen – die Möglichkeit diese Momente zu reflektieren. Erster Eindruck einer liebenden Kraft. Bedingungslos.

Es folgten Heimfahrt, Hundeschnuppern, Abendessen, eingewöhnen. Die Tage zogen dahin. Bald waren Monate um. Mein persönlicher Schatz wuchs. So viele Erfahrungen. So viele Eindrücke. Freunde, AFS, Schule, Reisen, aber vor allem Persönlichkeitsentwicklung. Viele Dinge änderten sich kurzer Zeit. Heute bin ich dankbar für jeden Tagebucheintrag, der den ungeheuren Wandel in mir dokumentiert und belegt wie schnell Menschen wachsen können, wenn die Umstände nur herausfordernd genug sind.

Und gefordert war ich. Begleitet haben mich meine Eltern. Ich nannte sie niemals Dads. Und trotzdem waren sie es. Sie kamen zu meinen Schulaufführungen und Track Meets, fuhren mich zur Soccer Practice und verboten mir auf Partys zu gehen. Aber das ist es nicht, was gute Väter ausmacht. Sie waren vor allem eines: Emotionally involved. Wie ein roter Faden ziehen sich unsere intensiven und intimen Gespräche durch meinen Aufenthalt. Sie haben mich gelehrt zu reflektieren. Mein Vater starb als ich 15 war. Die Pupertät hat mir zugesetzt. I had some issues. Sie haben sich auf mich und meine Macken eingelassen, mit mir gearbeitet. Immer wieder meinte Kelly “You are an angry little boy!” und mit der Zeit lernte ich verstehen was er damit meinte. Als ich zurück kam war ich anders. Ein Stückchen gereift.

Die Geschichte die ich hier erzähle ist die eine der bedingungslosen Liebe. Die Beziehung zu meinen Eltern war intensiv. Wir hatten es nicht immer leicht. Ich war ein schwieriger Kerl, und gerade mit Kelly gab es große Konflikte. Es liefen einige unschöne Sachen. Aber – und das beeindruckt mich immer wieder – es gab Platz für all diese Erfahrungen und Gefühle. Wut, Trauer, manchmal sogar Hass. Und dann wieder klärende Gespräche und Vergebung. Geprägt war dieses stetige Auf und Ab von einer umsichtigen Hingabe, die ich bei wenigen Menschen bisher erleben durfte.

Ich erinnere mich an einen Abend, nach Stunden der Diskussion saß ich mit Glenn im Wohnzimmer. Kelly war wütend und genervt zu Bett gegangen. Beide hatten wir Tränen in den Augen. Wir hatten lange und ausführlich über unsere eigenen Fehler gesprochen. Versucht zu erklären. Und waren bis zum Verständnis vorgedrungen. Es war einer dieser Momente vollendeter Trauer und Schönheit, die dich unglaublich berühren und mit einem Menschen verbinden. Solche Erfahrung durfte ich mit meinem leiblichen Vater nicht machen. Aber ich konnte sie nachholen. Weil zwei emotional unglaubliche fähige Menschen beschlossen hatten mich aufzunehmen und mich bedingungslos zu lieben, stärker zu machen und aufzubauen.

Erfahrungen wie diese sind es, die ein Leben für immer ändern. Erfahrungen wie diese sind es, die so unaussprechlich vielen jungen Menschen nicht angeboten werden. Die sie aber so dringend bräuchten, als Proviant für den Weg zum ganzen Menschen.

Und so dankbar wie ich bin für die Zeit, die ich mit meinen zwei Vätern verbringen durfte, sosehr widert es mich an, wenn ich immer und immer wieder erklären muss, warum homosexuelle Menschen natürlich Kinder adoptieren dürfen müssen. Immer und immer wieder kotzen Menschen ohne Hirn oder ohne Seele zu diesem Thema etwas in die Öffentlichkeit. Da wird unreflektiert und dumm argumentiert, ohne zu sehen, wie viele heterosexuelle Eltern Tag ein Tag aus versagen. Dabei liegen die Fakten auf dem Tisch, die Realität ist längst eine andere. Längst lassen sich homosexuelle Partner das Recht auf Familie nicht mehr absprechen. Männer trennen sich von ihren Frauen, outen sich und nehmen ihre Kinder mit zum neuen Partner. Schwule und lesbische Paare bekommen zusammen Kinder, ziehen sie zusammen auf. Frauen adoptieren Kinder als Einzelperson, aufwachsen tun die Kinder aber mit zwei Müttern. Und das ganze funktioniert so gut, dass es nicht einmal auffällt. Niemandem. Regenbogenfamilien sind längst Realität, in allen nur denkbaren Konstellationen. Die Kontroversen die geführt werden sind Scheindebatten rechter Rattenfänger. Das einzige was sie bringen ist eine Verzerrung der Wirklichkeit auf Kosten derer, die eh schon mit Rechtsunsicherheit leben müssen. Zach Wahls, Sohn zweier Mütter, hat zu dem Thema in Wirklichkeit schon alles gesagt, was es zu dem Thema zu sagen gibt. “The sexual orientation of my parents has had zero effect on the content of my character.” Seine bewegende Rede vor dem Iowa House of Representatives hat mich zu diesem sehr persönlichen Artikel bewegt. Obwohl die Situation so offensichtlich ist, haben wir noch immer einen weiten Weg zu gehen, bis es endlich selbstverständlich ist, dass wer Liebe geben kann, dies ganz selbstverständlich auch darf. Durch Menschen wie mich und Zach kommen wir riesen Schritte voran. Wir sind der lebende Beweis, dass Liebe keine Grenzen kennt und homosexuelle Menschen selbstverständlich gute, wenn nicht bessere Eltern sein können.

“If you’ve got space in your heart to love someone, do it, because you get so much more out of it then you could possibly put in.” sagt Kelly.

Armin Soyka ist Gruener Bezirksrat im 18. Wiener Gemeindebezirk

Advertisements

One Comment on “Gastbeitrag: Über das Leben eines Heterojungen mit schwulen Eltern.”

  1. annafabiola sagt:

    Wunderschöner Artikel, Danke für das teilen deiner Gedanken. Es muss mehr solcher Menschen geben die sagen, was sie Erfahren haben. Trotz dem ganzen positiven Beispielen gibt es noch immer vehemente Verfechter. Schade. Wir haben eben noch so viel zutun und aufzuholen…


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s