„Occupy Wall Street“ oder „The left is dead, long live the left!“

Montag, 3.10., Liberty Park/Zucotti Park, New York – Die BesetzerInnen haben es nicht leicht: Es regnet und zwar schon den ganzen Tag, in den Abendstunden wird es schon kalt oder um es kurz zu machen, der Herbst ist nun auch in New York angekommen. Über die Schlafplätze und Kochstellen sind Planen gezogen. Die AktivistInnen haben ihre Schwierigkeiten alles trocken zu halten. Nicht wenige sind dennoch gekommen, schließlich beginnt bald das „General Assembly“, wenn man so will das große Plenum, das alle wichtigen Entscheidungen trifft. Arbeitsgruppen von „Art & Culture“, die der kulturellen Beschäftigung und dem Anlocken neuer InteressentInnen dienen, bishin zu „Internet“, „Media“ und „direct Action“, die die Kerninhalte der Bewegung transportieren sollen, aber auch solche die das Leben Vorort erleichtern , treffen sich hier. Man ist hier eben basisdemokratisch. Die Methoden erinnern ein bisschen an UniBrennt.

Man ist hier aber auch sehr bunt gemischt.  Arbeitende, Studierenden, VertreterInnen von Kleinstparteien, LGBT-Gruppen, FeministInnen, WissenschafterInnen und Intellektuelle versammeln sich hier oder schlichtweg solche die einfach unzufrieden sind mit der vorherrschenden Politik in den USA. Leider findet sich natürlich auch zweifelhafte Plakate wie „Hitlers Bankers Wall St“, bei den Live-Stream-Kommentaren sammeln sich antisemitische Verschwörungstheorien rund um 9/11  und über den Einfluss der CIA, die meisten AktivistInnen jedoch konzentrieren sich auf das wesentliche, nämlich die verschärften sozialen Verwerfungen, die im Zuge  der globalen Wirtschaftskrise auch hier in den USA die Lebensrealität der Menschen stark beeinflussen und viele sehr hart treffen, ohne den Versuch durch obskure Welterklärungen diese Prozesse zu beschreiben.

Manche sehen in dieser Bewegung die Chance eines Gegenpols zu Tea-Party um auf Obama und die Demokratische Partei Druck von Links auszüben. Andere sehen den Protest als Alternative zu den großen Gewerkschaften, die ihrer Ansicht nach junge Menschen kaum repräsentieren würden, unzugänglich und hierarchisch seien und überdies in den letzten Jahren versagt hätten.

Für Mittwoch hat „Occupy Wall St.“ zur Großdemonstration aufgerufen. Viele sind gekommen. Diesmal schließen sich auch große Gewerkschaften an und ihre Mobilisierungsstärke ist deutliche höher. Dies darf aber nicht unhinterfragt stehen bleiben, denn nicht wenige sind aus Sympathie gekommen wegen der Vorfälle der letzten Tage. So wurden am vorhergehenden Samstag 700 AktivistInnen festgenommen und mussten Stunden lang auf der Brooklyn Bridge ausharren. Tage davor machte ein Video einer Peffersprayattacke eines Polizisten gegen AktivistInnen weltweit die Runde.

Trotz des bereits drei Wochen anhaltenden Protests bleibt insgesamt noch abzuwarten, welches Echo der Protest erhalten wird und dementsprechend auch entwickeln. Die Berichterstattung hält sich nach wie vor in Grenzen und die offizielle Politik will noch nicht viel von den Protesten wissen. Einzig Bürgermeister Bloomberg äußerte sich indem er sich schützend vor das New York Police Department stellte und dessen vorgehen rechtfertigte.

Das nun die größeren Gewerkschaften („Unions“) sich beteiligen kann jedenfalls als Erfolg gewertet werden. Stuart Appelbaum, ein führender Gewerkschaftsvertreter, glaubt zumindest das Potenzial der Bewegung erkannt zu haben. Gegenüber der New York Times meinte er: „They are reaching a lot of people and exciting a lot of people that the labor movement has been struggling to reach for years.“

Von New York nach Chicago und Los Angeles – in den letzten Tagen haben sich bereits einige NachahmerInnen in anderen größeren und kleineren Städten in den USA gefunden und inspiriert gefühlt, ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen.   Alles ist noch offen und vielleicht blüht den Staaten  tatsächlich ein heißer Herbst. Manch einer wird da scherzhaft bemerken, dass ja besonders die Ostküste schließlich für  ihren „Indian Summer“ mit angenehm warmen Temperaturen berühmt ist. Vielleicht ist es aber nur das repitorische erwachen der „Linken“, die sich mehr oder weniger schlecht als symbolische Figur am Leben erhält, ganz nach dem Vorbild der  britischen Monarchie: „The left is dead, long live the left“.

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One Comment on “„Occupy Wall Street“ oder „The left is dead, long live the left!“”

  1. Ross Wolfe sagt:

    Hi, this is Ross Wolfe, the person who was holding the sign „The Left is dead! Long live the Left!“ at Wall Street. Thanks for featuring the picture and our slogan.

    You might be interested in the German wing of our organization:

    Platypus Germany

    Die Platypus Affiliated Society organisiert Lesekreise, öffentliche Veranstaltungen, Vorträge, Forschung und Journalismus im Hinblick auf überkommene, ungelöste Probleme und Aufgaben der “Alten” (1920er-30er), “Neuen” (1960er-70er) und post-politischen (1980er-90er) Linken und der Möglichkeiten für emanzipatorische Politik heute.


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