Islam und der gesellschaftlichen Kontext von Religion

Gastbeitrag von  Thomas Schmiedinger

Nicht erst durch die Sarrazin-Debatte wird in Deutschland, aber auch in Österreich und anderen Staaten Mitteleuropas, verstärkt über ‚den Islam‘ diskutiert. Die Fronten gehen dabei quer durch die politischen Lager. In Sachen Islam werden derzeit alle möglichen Leute durch die Lektüre einiger Artikel und vielleicht sogar einiger ausgewählter Bücher zum „Experten“. Sachkenntnis ist dafür nicht unbedingt notwendig.

Sowohl von GegnerInnen als auch von ApologetInnen des Islam wird dabei ein weitgehend homogenisierendes und essentialistisches Bild des Islam und der Muslime gezeichnet. Es fehlt dabei weitgehend an historischer und gesellschaftlicher Kontextualisierung. Dies ermöglicht es auch so genannten ‚Islamkritikern‘ ein ‚singeling out‘ gegenüber dem Islam zu betreiben und dem Islam bzw. den Muslimen Dinge vorzuwerfen, die de facto die gesamte abrahamitische Religion in ihren unterschiedlichen Ausformungen betreffen. Wer also versuchen will, sich mit dem Islam rational und kritisch auseinanderzusetzen, muss diese Religion im Kontext ihrer Gesellschaft und anderer Religionen betrachten.

Wie andere Religionen auch, ist der Islam zu einer Zeit entstanden in der es keine Trennung von Gesellschaft, Politik und Religion gab. Diese Trennung ist eine späte Entwicklung der Moderne im Kontext der Entstehung moderner Staatlichkeit und des Kapitalismus als ökonomisches System. Weder die Stammesgesellschaften, die irgendwann zwischen dem ersten Jahrtausend vor Christi und dem so genannten Babylonischen Exil das Judentum als Religion entwickelten, noch das Königreich des Herodes und seiner herodianischen Dynastie im Kontext der römisch-jüdisch-hellenistische Welt des Nahen Ostens, die das Christentum hervorbrachte, noch die arabischen Stammesgesellschaften des 7. Jahrhunderts nach Christi, kannten einen modernen Staat und damit eine Trennung der Sphären von Religion, Gesellschaft und Politik. Damit entstammen sowohl das Judentum als auch das Christentum und der Islam einer nichtsäkularen Welt, die die relative Autonomie des Politischen nicht kannte.

Für marxistische Staatstheoretiker wie Nicos Poulantzas bildet die relative Autonomie des Politischen und Ökonomischen ein zentrales Merkmals des modernen Staates. In seiner ‚Staatstheorie‘ formuliert er:

„Die Besonderheit des modernen Staates beruht […] auf der relativen Trennung des Politischen vom Ökonomischen und auf einer Neuorganisation ihrer Räume und Felder ausgehend von der vollständigen Besitzlosigkeit des unmittelbaren Produzenten in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen.“ [1]

Diese relative Autonomie des Politischen im modernen Staat ermöglichte jedoch auch erst die Trennung des Politischen vom Religiösen. Religionen die vor der Entstehung des modernen Staates entstanden sind – und dies gilt mit Ausnahme religiöser Neuschöpfungen der letzten zweihundert Jahre für alle derzeit existierenden Weltreligionen – entstanden damit in einer Gesellschaft, die diese Trennung nicht kannte. Sie waren deshalb notwendigerweise per se nicht säkular, sondern Teil eines allgemeinen Welterklärungssystems, das sich nicht von den später relativ autonom gewordenen Sphären der Politik, der Wissenschaft, des Rechts und der Ökonomie trennen lässt.

Damit ist es wenig erstaunlich, dass alle im vormodernen Kontext entstandenen Religionen sowohl in ihren heiligen Schriften als auch in ihren anderen religiösen Traditionen, sich nicht nur mit Vorstellungen der Transzendenz beschäftigen, sondern auch mit dem Diesseits. In allen heiligen Schriften dieser Religionen finden sich ethische Vorstellungen, Rechtsvorschriften und politische Überlegungen. Und in allen heiligen Schriften dieser Religionen geben diese den Stand dessen wieder was in den jeweiligen Entstehungskontexten dieser heiligen Schriften als richtig betrachtet wurde. Dass diese aus heutiger Sicht gelinde gesagt archaisch anmuten ist eine Selbstverständlichkeit.

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