Gastbeitrag Libyen: Freiheit, Rap und Bürgerkrieg

Freiheit, Rap  und Bürgerkrieg

Während sich die Libyer im Osten der neuen politischen und kulturellen Freiheiten erfreuen, wird im Westen weiter gekämpft.- Gastbeitrag von Thomas Schmiedinger

Abdallah Abu Zaid ist Medizinstudent im ersten Studienjahr. Seit Februar kommt er fast täglich auf den nach ägyptischem Vorbild in Midan Tahrir umbenannten Platz an der Corniche von Benghazi.  Die Revolution, so sagt er, habe ihn persönlich verändert: „Vor der Revolution war ich wie ein Parasit und habe nicht gelebt. Wir Jugendlichen hatten ständig Angst. Jetzt können wir plötzlich frei diskutieren und uns selbst eine Meinung bilden. Ich fühle mich wie neu geboren!“

Verschwörungstheorien und Bürgerkrieg

Aber keineswegs alle sind so von der Revolution begeistert. Ein älterer Herr, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, spricht mich in der Altstadt von Benghazi an: „Die westlichen Journalisten berichten immer nur wie toll hier jetzt alles ist. Ich will dass Sie auch die Kehrseite hören“, erklärt er und gibt sich gleich als Qaddafi-Anhänger zu erkennen. „Die Rebellen haben Libyen in ein Blutbad getaucht Und wofür? Ich verstehe nicht, dass ihr Europäer und Amerikaner hier in Libyen al-Qaida unterstützt!“ Hinter der Rebellion stehe eine Verschwörung von Auslandslibyern mit al-Qaida, dem Westen und Israel.

Wer sind nun aber die Rebellen, die gegen Qaddafi kämpfen? Für welches Libyen stehen sie?

Israel wird aber auch von Anhängern des Übergangsrates in ihre Verschwörungstheorien eingebaut. Auf dem nach ägyptischem Vorbild zum Midan Tahrir umbenannten Platz zwischen Altstadt und Meer befinden sich neben den Bildern von Märtyrern auch Karikaturen von Qaddafi. Viele stellen ihn als Agenten der Israelis dar. Auch in der Altstadt sieht man den langjährigen Alleinherrscher, der sich immer als oberster Kämpfer gegen den Zionismus gerierte, oft mit einem Davidsstern dargestellt.

Qaddafis Heimatstadt Sirte, Bani Walid und Teile der Wüstenregion Fezzan sind noch immer in Hand von Loyalisten des alten Regimes. Die Rebellen mussten sich bereits mehrmals nach heftigen Verlusten aus bereits eroberten Teilen von Sirte und Bani Walidzurückziehen. Dabei bahnt sich in den letzten Hochburgen des Regimes eine humanitäre Katastrophe an. Häuserkämpfe gehören zu den verlustreichsten Formen bewaffneter Auseinandersetzungen, die auch die Zivilbevölkerung schwer in Mitleidenschaft ziehen. Qaddafi-Loyalisten berichteten mehrmals von hunderten getöteten Zivilisten durch das anhaltende NATO-Bombardement auf die beiden Städte. Durch die Abwesenhenheit unabhängiger Journalisten in den umkämpften Städten, lassen sich die wahren Opferzahlen derzeit nicht ermitteln. Der Bürgerkrieg, der bisher über 50.000 Tote forderte, ist jedenfalls noch nicht zu Ende, sondern dürfte sich gerade in seiner blutigsten Phase befinden.

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